Porsche Tennis Grand Prix: Lobhudelei auf eine Gewinnerin - und drei Sieger der Herzen
Das Scheinwerferlicht am Sonntagnachmittag beim Porsche Tennis Grand Prix gehörte der Siegerin Elena Rybakina - zurecht natürlich. Wir lobhudeln aber auch drei, die nicht im neuen Porsche in den Sonnenuntergang düsen, aber dennoch einen bleibenden Eindruck in Stuttgart hinterlassen haben.
von Florian Goosmann aus Stuttgart
zuletzt bearbeitet:
19.04.2026, 20:40 Uhr

Elena Rybakina
Wenn Elena Rybakina die Kugel trifft, wirkt das stets wie aus einem Guss, beinahe ohne Anstrenung. “Effortless”, sagt der Amerikaner. Und es passt zur Persönlichkeit der Kasachin. Die Videos, wie Elena Rybakina im vergangenen Herbst die WTA Finals und damit einen Preisscheck von mehr als 5 Millionen US-Dollar mit einer simplen Faust goutierte, ebenso den Sieg bei den Australian Open zu Beginn des Jahres: Sie gingen gespickt mit der Frage um die Welt, warum sie sich bitteschön nicht mehr nach außen freuen könne. Aber warum eigentlich? Rybakina ist keine Frau für die große Show, sie braucht das nicht. Und verstellt sich ebenso wenig. Das spricht extrem für sie. Wir sollten doch immer unser wahres Ich zeigen.
In Stuttgart stand Rybakina im Viertelfinale kurz vor dem Aus gegen Leylah Fernandez, sie leistete sich haarsträubende Fehler, ihre Bälle landeten teils meterweit hinter der Grundlinie. Klar, auch Rybakina zeigte sich frustriert, aber ebenso eiskalt, wenn's drauf ankam. Die letzten drei Punkte exekutierte sie eiskalt. Und wie gewohnt: ohne Show im Anschluss. Wie auch beim Matchball im Finale.
Karolina Muchova
Die mangelnde Variabilität im Damentennis (und generell in den vergangenen Jahren) prangern viele an. Alles zu einheitlich - die Spielerinnen, die Beläge, eins hängt ja auch mit dem anderen zusammen. Und hatte man sich vor wenigen Jahren noch auf kommende Spielzeiten mit Ashleigh-Barty-Tennis gefreut, wurde man plötzlich vor den Kopf gestoßen (gönnt der guten Ash aber freilich ihr gechilltes Lebens in Australien). Ihre feine Klinge aber fehlt dem Spiel.
Muchova hatte mit ihrem Tennis schon 2023 beim Einzug ins French-Open-Finale begeistert, danach fiel sie verletzungsbedingt lange aus. Nun ist sie wieder da und klopft an den Top 10 an. Muchova, Daria Kasatkina, Tatjana Maria (auch mal wieder mit einem Erfolgserlebnis dieser Tage!) - das Tennis braucht sie!
Coco Gauff
Coco konnte einem wieder mal leid tun. In Stuttgart läuft's einfach nicht für die US-Amerikanerin. Fünf Teilnahmen, bei vier Matchsiegen und fünf Niederlagen. Weiter als ins Viertelfinale ging es noch nie. Wie Gauff sich im Match gegen Karolina Muchova mit ihrer Vorhand abquälte, war hart anzuschauen. Nicht nur gefühlt hat sie null Vertrauen in den Schlag, der jedes Mal anders aussieht. Oder wie es Ex-Profispielerin Eva Pfaff im Pressezentrum analysierte: Da ist jeder Körperteil woanders.
Gauff hat schon technische Änderungen vorgenommen, der Ellenbogen ist nicht mehr ganz so weit oben beim Ausholen. Dennoch fällt sie zu oft in Rücklage, das Timing stimmt selten. Viele in ihrer Situation, mit aller Verzweiflung, hätten gegen Muchova abgeschenkt. Gauff nicht. Es ist eine ihrer ganz großen Qualitäten. Ob sie die Vorhand noch geregelt bekommt? Es wäre ihr zu wünschen. Eins darf man nicht vergessen: Sie ist erst 22 Jahre alt. Und hat trotz dieses Schlags schon zwei Grand-Slam-Turniere gewonnen.
Leylah Fernandez
Die kleine Kanadierin hat sich in den vergangenen Jahren wieder in die Weltspitze gespielt - fast still und heimlich nach ihrem Sensationslauf 2021 ins Finale der US Open. Fernandez hat seither nur noch ein Mal die zweite Woche bei einem Grand-Slam-Turnier erreicht, ist im Ranking abgerutscht und hat sich dann langsam nach oben gespielt. Fakten, die sie mit ihrer damaligen Bezwingerin Emma Raducanu teilt. Aktuell steht sie auf Platz 25 im WTA-Ranking.
Beim Porsche Tennis Grand Prix begeisterte Fernandez wie einst in New York. Gegen Alexandra Eala gewann sie nach einer Galavorstellung, gegen Zeynep Sonmez siegte sie am Donnerstagabend in einem Drei-Stunden-Krimi, gegen Elena Rybakina spielte sie am Freitagabend noch mal mehr als drei Stunden und hatte zwei Matchbälle (die Rybakina toll abwehrte). Wie sie die Weltranglisten-Zweite zu Fehlern zwang, sich kaum von der Grundlinie wegdrücken ließ, Übersicht zeigte, wenn möglich den Weg ans Netz suchte - beeindruckend. Ob es noch mal für den ganz großen Wurf langt, ist fraglich. Mitreißen aber kann die 23-Jährige, nachzufragen in New York und Stuttgart.
