"Ich hab immer noch Ziele"
Der tennisnet.com-Jahresrückblick mit Max Raditschnigg.
von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet:
11.12.2010, 13:52 Uhr

Im Einzel ist er zurück in Reichweite seines Career High von Platz 440, im Doppel hält er dieses mit Rang 274 derzeit inne: Max Raditschnigg hat sich 2010 im ATP-Ranking wieder deutlich nach vorne gearbeitet. Alles eitel Wonne? Mitnichten! Gegenüber tennisnet.com erzählte der 27-jährige Steirer, was in seiner Karriere schief gelaufen ist, wie er es sich leisten kann, sich seit über neun Jahren nur in unlukrativen Ranking-Regionen aufzuhalten und was ihn nach zehneinhalb Jahren auf der Tour immer noch motiviert. Und auch, dass er sich vorstellen kann, für ein anderes Land als Österreich Davis Cup zu spielen.
Max, darf man dir zur Nummer-1-Position deines Landes gratulieren?
Und zwar wieso?
Auf deinem facebook-Profil gibst du Botswana als dein Heimatland an.
(lacht)Ja, ich hab mich da vor etwa zwei Jahren mal angemeldet, es sind ja auch viele andere Tennisspieler drin. Ich war ein bisschen amüsiert, was die da beim Ausfüllen meines Profils so alles wissen wollten… da hab ich Botswana halt witzig gefunden und angeklickt.(lacht)
Also nichts weiter als ein kleiner Scherz. Es gibt keine Verbindung zu Botswana?
Nur ein Gag. Ich gebe im facebook nicht gern private Sachen rein, hab auch keine Fotoalben drin. Aber wer weiß, Davis Cup könnte ich für Botswana wohl wirklich spielen…(lacht)
Kommen wir zur Realität: Plus 467 Plätze im Einzel (973 auf 506), plus 301 im Doppel (575 auf 274) – wie zufrieden bist du denn mit der abgelaufenen Saison?
Ich hab im Jahr davor ja vermehrt Challenger gespielt gehabt und das hat leider nicht ganz so funktioniert wie erhofft, daher bin ich so weit zurückgerutscht auf einen Platz über 900 – das hat nicht wirklich meinem Niveau entsprochen. Heuer hab ich mich wieder zurückgekämpft, aber leider trotzdem viele knappe Matches verloren, 150 Plätze mehr wären da wohl drinnen gewesen. Mit meiner Entwicklung im Doppel bin ich hingegen sehr zufrieden.
Die letzten drei Monate waren allerdings vor allem im Einzel zum Vergessen, oder?
Leider. Ich hab davor bei den Futures ganz gut gespielt und hab daher dann Challenger wieder probiert, acht hintereinander bis zum Saisonende. Aber da hat man halt in der Quali jedes Mal zwei, drei wirklich harte Runden gegen Leute, die um 300 oder 400 im Ranking stehen. Es ist sehr eng in dem Bereich und bei mir hat da die Leistung meist einfach nicht gepasst. Dann ist es natürlich doppelt schwer.
Blicken wir ein paar Jahre zurück: Weißt du noch, was am 21. Oktober 2001 war?
Mein erstes Future-Finale?
Richtig. Das waren deine ersten ATP-Punkte. Du bist seit 29. Oktober 2001 bis auf 28 Wochen immer im ATP-Ranking gewesen. Auch wenn du heuer viel Boden gutgemacht hast: Ist es nicht frustrierend, jetzt noch immer im Ranking-Niemandsland zu stehen?
Natürlich. 2006 hat’s ja schon ganz anders ausgeschaut. Bis ich mir im April das Kreuzband gerissen hab. Da rutscht man dann sofort wieder zurück. Ja, es ist frustrierend, aber ich kann jetzt nicht mehr ändern, was alles falsch gelaufen ist.
Was ist denn falsch gelaufen?
Vieles. Tennis ist vom Finanziellen her prinzipiell ein schlechter Sport, wenn man nicht ganz an der Spitze steht. Und ich hab finanziell kaum Unterstützung erhalten und daher auch nicht unter den Bedingungen spielen können, die es vielleicht gebraucht hätte. Ich hab mich gerade erst mit dem Patrick Schmölzer darüber unterhalten, wie wir das so gemacht haben, als wir zu zweit versucht haben, uns durchzubeißen. Aber mit 27 Jahren macht das nicht mehr viel Sinn.
Wenn das nicht mehr viel Sinn macht: Warum bist du dann immer noch Profi?
Weil ich immer noch Ziele hab, mich fit fühle und es jetzt vom Umfeld her passt, mache ich weiter, sicher noch ein, zwei Jahre. Im Leistungszentrum von Michael Oberleitner sind mit Alex Peya, Julian Knowle oder Niki Moser super Spieler, mit Andreas Fasching oder Martin Gattringer gute Trainer. Ich versteh mich mit allen super, wir haben auf dem Platz eine Gaudi und arbeiten zugleich hart. Auch das Konditionstraining ist besser als in den Jahren zuvor.
Du hast vorhin gesagt, dass du früher nicht die Bedingungen hattest, die du brauchen hättest können. Wie haben diese denn ausgesehen?
Ich war als Jugendlicher im ÖTV-Leistungszentrum in der Südstadt. Es war dort keineswegs alles schlecht, aber nach fünf Jahren im Internat musste ich einfach raus, ich hätte dort nicht mehr leben können und bin dann auch nicht mehr unterstützt worden. Und die Betreuung bei den Turnieren hat ohnehin nicht gepasst.
Inwiefern?
Auf acht Spieler ist bei den Turnierreisen oft nur ein Trainer gekommen. Da wär’s recht egal gewesen, wer einen betreut, derjenige kann da ja nicht das Maximale aus Jedem herausholen. Das ist gar nichts gegen die Trainer, aber da wär’s fast noch besser gewesen, nur den Masseur mitzunehmen.(lacht)Bei den anderen Spielern auf der Tour haben wir dann gesehen, wie das Umfeld eigentlich aussehen und alles ablaufen sollte, nach ein paar Jahren wussten wir das.
Welche Schlüsse hast du daraus gezogen?
Ich hab mit 20 oder 21 dann alles selber geplant und vor allem mit dem Patrick in Voitsberg trainiert, zwei Mal am Tag und Konditionstraining mit Alfred Konic. Bis ich mit 23 wieder gesagt hab, es muss sich was ändern. Ich bin dann nach Wien zu Wolfgang Schranz und Roland Berger gegangen. Jetzt hab ich eine Vereinbarung mit dem Colony Club, da ist finanziell beim Trainingszentrum von Oberleitner alles besser gedeckt.
Und trotzdem: Wie kannst du es dir überhaupt leisten, seit über zehn Jahren auf der Herren-Tour zu spielen? Du hast heuer auf internationaler Ebene 12.619 Euro verdient, deine Ausgaben waren bestimmt höher.
Sicher, aber Existenzängste hab ich trotzdem keine. Ich versuche halt, Turniere in Europa und vor allem in der Nähe zu spielen. Früher hab ich neben Österreich in Deutschland und Italien Meisterschaft gespielt. Und meine Eltern haben mich immer unterstützt, ich hab bei ihnen in Voitsberg gewohnt und für die Plätze nichts zahlen müssen. Ich hab gespart, wo’s geht.
Mit dem großen Durchbruch hat es trotzdem bis heute nicht geklappt. Wird das auch einfach immer schwerer? Steigt das Niveau wirklich von Jahr zu Jahr?
Die Dichte wird sicher immer größer. Je weiter man nach oben kommt, desto dünner wird die Luft. Heutzutage kann halt jeder auf der Tour Tennis spielen. Du kannst bei einem Challenger einen guten Spieler schlagen – und am nächsten Tag spielst du dann gleich wieder gegen den nächsten guten. Die Leute schenken einem da nicht mehr so viel, die wissen genau, was sie spielen, das ist eben der springende Punkt. Nur die Top 50 spielen vielleicht noch auf einem anderen Level und auch ein höheres Tempo. Das hab ich heuer gemerkt, als ich gegen Simone Bolelli in der Umag-Quali verloren hab, da hab ich schön geschaut.
3:6, 5:7 gegen jemanden, der im Vorjahr noch die Nummer 36 der Welt war, liest sich aber gar nicht so schlecht.
Ja, es war auch gut. Aber ich hab im zweiten Satz 4:3 und 15/40 bei seinem Aufschlag gehabt – das war recht bezeichnend. Ich hatte in der gesamten Saison mindestens zehn weitere enge Partien, die ich teils unnötig verloren hab. Ich kann auf hohem spielerischem Niveau absolut mithalten, aber ich kann den Sack nicht zumachen.
Wie lässt sich das ändern?
Ich muss meine Chancen schon früher nützen, halt den ersten oder zweiten Breakball, nicht erst den zehnten.
Das klingt jetzt aber leichter, als es das wohl wirklich ist. Das kann ja nicht der einzige Unterschied sein, oder?
Wahrscheinlich nicht. Ich kann zwar auch zum Beispiel permanent mit 190 servieren und hab auch meine richtig guten Partien, aber die meisten Leute auf dieser Ebene sind vom Aufschlag und Return her etwas besser und konstanter, die machen zudem auch was mit dem Ball beim zweiten Aufschlag des Gegners.
Heißt das, dass dir – bei allem Respekt – auch einfach die spielerische Klasse fehlt?
Vielleicht. Oder vielleicht ist es nur eine mentale Sache und mir fehlt das Aha-Erlebnis, mal zwei, drei gute Spieler zu schlagen, in ein Viertel- oder Semifinale zu kommen. Dann geht man wohl auch positiver in die nächsten Matches. Ich bin einfach ein sehr selbstkritischer Typ und ziehe schnell etwas zu sehr ins Negative. Ich muss sicher positiver werden, aber das ist nicht so leicht umzusetzen, besonders wenn man allein vor Ort ist, da sieht man einfach nicht alles. Wenn wer mitfährt, frischt derjenige immer auf und erinnert dich, was du falsch machst.
Im Doppel machst du derzeit ja nicht so viel falsch, da hast du heuer etwa zwei Futures gewonnen und auch zwei Challenger-Endspiele erreicht. Ist es für dich ein Thema, dich in Hinkunft darauf zu spezialisieren?
Wenn’s im Doppel richtig gut läuft, kann ich mir das schon vorstellen. Ich hab heuer gesehen, dass ich nicht so weit von den vorderen Leuten entfernt bin, vor allem in Kitzbühel hab ich mit Hans Podlipnik-Castillo richtig gute Paarungen geschlagen und erst im Finale verloren – gegen Dustin Brown und Rogier Wassen, die dann sogar das ATP-Turnier in Metz gewonnen haben. Oberleitner ist da mit mir auch sehr zufrieden und sagt mir, ich soll aufs Doppel gehen.
Was macht dich denn im Doppel derzeit so viel stärker als im Einzel?
Ich hab’s eigentlich schon immer einfach lockerer genommen – und doch mit Ziel und Biss den Sieg wollen, konstanter und besser gespielt. Ich hatte auch immer gute Partner wie etwa Schmölzer. Erst letzte Woche hab ich mit ihm geredet, was wir für ein gutes Team gewesen wären – aber uns hat ja keiner gesagt, was wir machen könnten.
Wie meinst du das genau?
Wir spielen zum Beispiel in Kitzbühel 2005, als Patrick 20 und ich 22 Jahre alt war, 1:6, 5:7 gegen die späteren Turniersieger(Stefan Koubek und Philipp Kohlschreiber, Anm.), sind im zweiten Satz voll dabei. Aber da ist niemand gewesen, der zu einem hingeht, mit einem redet und einem sagt „Spielt’s doch Doppel, ihr seid’s gut, ihr könnt’s da mithalten“.
Fehlt es in Österreich einfach an fachlich kompetenten Trainern?
Ja. Denn wenn ich etwa Spieler sehe, die etwas komplett falsch machen, dann würde ich zu denen hingehen, vor allem, wenn ich vielleicht Davis-Cup-Kapitän oder so bin. Dann sag ich denen auch „Hey, Jungs, an dem und dem müsst ihr arbeiten, dann könnt ihr es schaffen.“ Man muss aber sagen, dass das jetzt besser läuft. Man müsste mit den Spielern, die privat trainieren, noch mehr reden und sie bestmöglich unterstützen. Es ist aber schlauer, dass in der Südstadt selbst jetzt weniger Spieler forciert werden als früher, und die dafür umso mehr, so wie ein Nico Reissig. Bei uns hätt’s da früher nur Streit deswegen gegeben.
Schmölzer hat seine Karriere schon beendet, bei dir ist eine Verlegung aufs Doppel noch möglich. Oliver Marach und dein Trainingspartner Julian Knowle haben dir vorgezeigt, wie das geht. Sind die beiden da für dich Vorbilder?
Ich hab erst vorgestern mit Julian trainiert, das ist schon sehr motivierend, mit solchen Leuten zu spielen. Vielleicht sind Oliver und er für mich in meinem Alter keine Vorbilder mehr, aber auf jeden Fall eine Inspiration. Und man kann sich von Julian sehr viel abschauen, das hab ich auch am Donnerstag gemerkt. Seine starken Returns, seine Volleys und wie er mit dem Oberkörper vorne bleibt, auch wenn man voll auf ihn geht, wie ruhig und konstant er die Schläge setzt und von der ersten bis zur letzten Minute Vollgas gibt – davon kann man nur profitieren.
Dann kann ja 2011 nichts schief gehen. Wie sieht denn dein erster Plan für die neue Saison aus?
Jetzt stehen erst mal zwei, drei Wochen Konditraining an, insgesamt werden es vier bis sechs Wochen Aufbau. Wo ich dann starten werde, steht noch nicht fest, das wird sich wohl in den nächsten zwei Wochen entscheiden. Wahrscheinlich werden’s am Anfang mal 15.000-Dollar-Futures sein, danach hoffentlich Challenger, wenn mir heuer endlich ein guter Start gelingt.
Gibt es konkrete Ziele?
Im Doppel wär’s schön, unter die besten 150 zu kommen, im Einzel unter die Top 300. Und wenn ich nicht wieder so viele knappe Matches verliere, könnte auch mehr gehen. Vielleicht schaffe ich es ja mal in eine Grand-Slam-Quali, das wäre ein großer Traum von mir, der mich antreibt und realistisch ist. Noch in die Top 100 zu kommen, ist wahrscheinlich unrealistisch.
Glaubst du da nicht ein bisschen zu wenig an dich selbst?
Es müssten einfach so viele Faktoren zusammenspielen – keine Verletzungen, immer bei den Turnieren betreut werden zu können, dann kann man schon mal auf 300 oder 400 stehen und vielleicht auch den nächsten Sprung schaffen. Aber das ist eben sehr schwer. Ich will weg von den zu hohen Zielen, bei denen man dann umso enttäuschter ist, wenn’s nicht läuft.
Und wie stehen deine Chancen, die Nummer 1 von Botswana zu bleiben?
(lacht)Ich hoffe gut! Jetzt hast du mich auf die Idee gebracht! Aber ganz im Ernst: Mir ist eingefallen, einen ähnlichen Gedanken hatte ich wirklich schon einmal. Ich hab mit einem Freund von mir gewitzelt, dass ich doch mit Cecil Mamiit (ehemalige Nummer 72 der Welt, Anm.) für die Philippinen Davis Cup spielen könnte. So etwas würde mir schon taugen.
Also stecken dahinter doch ernsthafte Überlegungen?
Ich sag mal so: Ich würde mich schon freuen über ein Angebot aus einem Land, in dem es nicht vor Schwerverbrechern wimmelt oder strengste Diktatur herrscht. Wenn ich für dieses Land dann Davis Cup spielen könnte, warum denn nicht? Aber mit dem Herzen würde ich natürlich immer Österreicher bleiben.(Foto: GEPA pictures/ Hans Osterauer)
Das Interview führte Manuel Wachta
