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Rafael Nadal: Ein Champion, auf und neben dem Platz

Rafael Nadal hat mit seinem Triumph bei den French Open in puncto Grand-Slam-Titel zu Roger Federer aufgeschlossen. Dennoch übt sich der Spanier in Bescheidenheit. 

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 14.10.2020, 17:12 Uhr

Auch nach Grand-Slam-Titel Nummer 20 übt sich Rafael Nadal in Demut
Auch nach Grand-Slam-Titel Nummer 20 übt sich Rafael Nadal in Demut

Es war in den Minuten nach seinem Erstrundensieg gegen Egor Gerasimov, als Rafael Nadal das wahrscheinlich Nachdenklichste und Erinnerungswürdigste sagte, das in diesen Tagen überhaupt irgendjemand auf diesem Planeten gesagt hat. Nadal wurde auf die ungewohnte, etwas düstere French Open-Atmosphäre auf dem Centre Court angesprochen, auf die leeren Ränge, das verwaiste neue Stadion. Tatsächlich sei es ein „trauriges Gefühl“, im Moment hier zu spielen, erwiderte der Mallorquiner auf die Frage des Moderators, „aber es muss sich wohl auch so anfühlen. Es muss traurig sein. Es gibt eine Menge Menschen in der Welt, die gerade leiden.“ Das war das Ende des Gesprächs, aber die Botschaft hallte nach. Eine Botschaft, die so anders war als das dauernde Lamentieren über die seltsamen Verhältnisse. Nadal hatte etwas so klar und einfach auf den Punkt gebracht, dass sich vermutlich viele fragten, warum sie nicht auch darauf gekommen waren.

Zwei Wochen später stand Nadal wieder auf dem Roten Platz, und nicht nur wegen seiner herausragenden Leistung im Finale gegen Novak Djokovic hatte man einfach das Gefühl, dass es an diesem Tag und in diesem Jahr keinen Besseren und Verdienteren hätte treffen können. Kein Wunder, dass ihm sein lebenslanger Karrieregegner und Freund Roger Federer als einer der Ersten gratulierte, nicht, weil er es tun musste aus einer Pflichtschuldigkeit heraus. Sondern weil er es wollte, weil er es ehrlich meinte, als er schrieb, er habe immer nur den „größten Respekt“ vor dem Menschen und dem Champion Nadal gehabt. Wohlgemerkt: In genau dieser Reihenfolge war es zu lesen, erst der Mensch, dann der Sportler und der Mann, der ihm, Federer, oft genug auch in Paris den Spaß verdarb und Träume platzen ließ.

Nadal, auch Federer, sind geschichtsbewußte Akteure im großen Wanderzirkus der Tennis-Nomaden. Beide wissen um ihre Rolle, ihre Bedeutung, ihren Rang in den Geschichtsbüchern ihres Sports, Rekorde sind ihnen nicht ganz egal. Aber Rekorde sind eben auch nicht alles, genau so wenig wie ein übermäßig verzehrender Ehrgeiz. Nadal hat in dieser Saison, er war da noch im Lockdown, etwas anderes gesagt, das ihn charakterisiert. Und zwar ging es dabei um die Frage, was ihm die Bestleistung an Grand Sam-Titeln bedeute, ein mögliches Überholen von Roger Federer, der Rang als mutmaßlich Größter aller Zeiten im Tennis. Nadal sagte dazu: „Ich habe kein Problem damit, dass mein Nachbar ein schöneres Haus, ein größeres Boot oder ein tolleres Auto hat. Mir geht es darum, dass ich zufrieden bin. Mit dem, was ich erreicht habe. Und das bin ich auch, wenn ich nicht die meisten Titel habe.“ 

Nadal schließt zu Federer auf

Eigentlich war sich Nadal mit dieser Distanziertheit und Zurückhaltung aber auch nur treu geblieben, obwohl er nun, im Jahr 2020, so dicht wie an Federers Titelsammlung herangerückt war. Denn auch der viel jüngere und junge Nadal hatte immer wieder betont, er sei auch ein „sehr glücklicher Mensch“ geworden, wenn er nach dem allerersten Titel, mit 19 Jahren im Juni 2005, hätte aufhören müssen. Wie es dann gekommen sei, mit immer neuen Siegen, mit der unwirklichsten Erfolgsserie in seinem Sport in Paris, das sei „nicht zu fassen“: „So einen Träum hätte ich nie träumen können.“

Nadal hatte sich in diesem Ausnahmejahr schnell aus der Öffentlichkeit verabschiedet und war wie selbstverständlich den neuen, gesellschaftlichen Spielregeln gefolgt. Es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, Teil einer überflüssigen Showinszenierung zu werden, um die ganze Unterhaltungsmaschinerie im Tennis bloß irgendwie anzuwerfen. Nadal war sich, auch in dieser Zeit, selbst genug, er ist ja auch ohnehin kein Mann, der großartiges Chichi oder Glamour und Glitzer braucht. Er setzte sich lieber an den heimatlichen Strand in Mallorca und warf die Angel aus. In seiner großzügigen Trainingsakademie hielt er sich fit – und war bereit, für den Moment, in dem das große Spiel wieder losgehen würde. 

Drängeln auf den Neustart war seine Sache nicht. Es wäre ihm unpassend vorgekommen, komplett deplatziert in einer Zeit, in der so viele seiner Mitmenschen litten. Er sah mehr als einmal die Verheerungen, die das Virus in Spanien anrichtete, die Menschen, die starben. Oder die Menschen, die um ihre Existenz bangten, gerade auch in Mallorca, der stillgelegten Touristen-Hochburg. Zu den US Open fuhr Nadal nicht hin, es erschien ihm nicht recht sicher. Aber es wahr auch eine Chancenabwägung, er war sich bewusst, dass es schwierig werden würde, zwei Grand Slam-Turniere in seinem Alter in so kurzer Zeit hintereinander zu spielen. Am Ende pausierte er 211 Tage, bis er in Rom wieder auf die vertrauten Kollegengesichter traf. „Ich hatte den Wettkampf vermisst, keine Frage“, sagte Nadal nun, nach dem Pariser Sieg, „aber es war auch nichts, worüber ich mich beklagen konnte und wollte.“

"Gute Dinge kommen zu guten Menschen"

Es ist reine Spekulation, aber womöglich hat auch Nadal die Zwangs-Auszeit genutzt, um in der ständigen Terminhatz der Branche, um in diesem auszehrenden Verschleißbetrieb wirklich mal neue Kraft und Energie aufzutanken. Man muss dabei nur an das Ende der letzten und an den Anfang der neuen Saison zu denken – erst ging es auf der Zielgeraden der 2019er-Serie noch zum ATP-Finale in London und zum neuen Davis Cup-Turnier in Madrid, ehe gleich zu Beginn 2020 der ebenfalls neue ATP-Cup und bald darauf die Australian Open ausgespielt wurden. Nadal gehörte damals zu den Stimmen, die eine Fusion der Wettbewerbe forderten – und damit auch den Stopp der ungehemmt fortschreitenden Kommerzialisierung. Als er am Sonntagabend gefragt wurde, wie es nun in den nächsten Wochen für ihn weitergehe, legte sich der 34-jährige die wohl gebührende Vorsicht auf: „Ich habe noch nichts entschieden. Ich muss sehen, was für mich vernünftig ist.“ Das galt, im übrigen, auch für den Start oder Nicht-Start bei den Australian Open.

Vernunft ist eins der Wörter, die man ohnehin stets mit Nadal verbindet. Vernunft, Zweckmäßigkeit, Sachlichkeit. Was ihm fehlt, ist zum Glück vieles, was sonst in der Szene zu sehen ist: Neid, Mißgunst, Gier, Oberflächlichkeit, Wichtigtuerei. Im Internet verbreitete sich am Sonntagabend ein Spruch zu Nadals Triumph, zu seinem 20. Grand Slam-Titel, er lautete: „Gute Dinge kommen zu guten Menschen.“ Nadal, der unnachgiebige Kämpfer, hätte da abgewinkt: Zu viel der Ehre, zu viel des Lobes. Er steht eigentlich nie gerne im Mittelpunkt, der im Herzen zurückhaltende, scheue, schüchterne Mallorquiner. Aber verhindern kann er es auch nicht. Der große Meister, der weiter siegt und siegt und siegt. Am liebsten immer in Paris, seinem roten Paradies.

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