Roger Federer - Wenn plötzlich die Worte fehlen

Roger Federer hat am Donnerstag sein Karriereende angekündigt. Der Schweizer wird im Tennissport eine große Lücke hinterlassen. Eine Würdigung.

von Nikolaus Fink
zuletzt bearbeitet: 16.09.2022, 01:03 Uhr

Roger Federer gewann in seiner Karriere 20 Grand-Slam-Titel
© Getty Images
Roger Federer gewann in seiner Karriere 20 Grand-Slam-Titel

Irgendwann musste der Moment kommen - und doch ist der angekündigte Rücktritt von Roger Federer für sämtliche Beobachter der Szene ein großer Schock. Denn dass der Schweizer bereits nach dem Laver Cup seine Karriere beenden würde, war angesichts seiner Aussagen in der jüngeren Vergangenheit nicht zwingend zu erwarten gewesen.

Dass Federers Laufbahn  nun - der Laver Cup sei an dieser Stelle ausgeblendet - mit einem 0:6 im Wimbledon-Viertelfinale gegen Hubert Hurkacz endet, mag zwar unwürdig erscheinen, wird in der Nachbetrachtung aber glücklicherweise nur eine Randnotiz darstellen. Viel zu groß sind dafür Federers Verdienste auf und neben dem Platz.

Federer gewinnt 20 Grand-Slam-Turniere

Federer gewann in seiner Laufbahn 103 Einzeltitel - 20 davon auf Grand-Slam-Niveau - und war 310 Wochen lang die Nummer eins der Welt. Zudem kürte er sich 2008 in Peking an der Seite von Stan Wawrinka zum Olympiasieger im Doppel und holte mit der Schweiz 2014 den Davis Cup. Federer hat alles gewonnen, was es im Tennissport zu gewinnen gibt und doch sind es nicht diese Zahlen alleine, die den nunmehr 41-Jährigen zum wohl beliebtesten Spieler aller Zeiten machen.

Es ist vielmehr eine kaum zu beschreibende Ästhetik, mit der der "Maestro" seine Fans jahrelang verzauberte. Während seine Dauerrivalen Rafael Nadal und Novak Djokovic den Sport mit anderen Attributen bereicherten, ließ Federer das Spiel mitunter verblüffend leicht aussehen. Dass der Eidgenosse auch ein tonnenschweres Kämpferherz in sich trägt, wurde erst im Laufe seiner Karriere ersichtlich.

Besonders augenscheinlich wurde dieser Umstand bei den Australian Open 2017. Nach rund sechsmonatiger Verletzungsauszeit zelebrierte Federer in Melbourne Tennis von einem anderen Stern und feierte mit einem epischen Comeback-Sieg über Nadal den wohl emotionalsten Triumph seiner Karriere. "Die Zeit in Australien Anfang des Jahres war vielleicht die beste meiner Karriere", sollte Federer später einmal über die magischen Wochen "Down Under" sagen.

Ein Jahr später holte Federer in Melbourne den letzten seiner 20 Grand-Slam-Titel, die größte Möglichkeit auf Nummer 21 ließ der langjährige Weltranglistenerste 2019 in Wimbledon ungenutzt. Im Finale gegen Djokovic fand der Schweizer bei eigenem Aufschlag zwei Matchbälle vor, musste den Platz aber doch noch als Verlierer verlassen.

Bittere Niederlagen waren für Federer - anders wäre es bei einer derart langen Laufbahn auch gar nicht möglich - Teil des Spiels. Aus der Bahn werfen ließ er sich von diesen allerdings nie. Stattdessen zog Federer stets die richtigen Schlüsse und wusste sich auch im Herbst seiner Karriere kontinuierlich zu verbessern. Was sich unter anderem an der jüngsten Bilanz gegen seine langjährige Nemesis Nadal zeigt.

Federer, das betonte er auch in seinem Rücktritts-Statement, liebte den Tennissport wie kaum ein anderer Spieler. Und veränderte diesen für immer. War der "Maestro" in jungen Jahren noch ein Heißsporn, reifte er danach zu einem Weltsportler par excellence heran, der heute auch weit über die Grenzen des Tennissports hinaus große Popularität genießt.

Federer als Galionsfigur des Tennissports

Sein stets höflicher und bescheidener Umgang mit Gegnern, Offiziellen, Fans und Medien machte Federer zur absoluten Galionsfigur des Tennissports. Nicht minder beeindruckend ist die Grandezza, mit welcher der 20-fache Major-Champion Familienleben - Federer ist Vater zweier Zwillingspaare - und Beruf unter einen Hut brachte.

Mit Blick auf die nackten Zahlen wird Federer nicht als bester Spieler aller Zeiten in die Geschichtsbücher eingehen. Doch der Schweizer hat für das Herrentennis wohl mehr getan als jeder andere Profi zuvor. So viel, dass einem fast schon die Worte fehlen - und man nur zu einer Conclusio kommen kann: Roger Federer war das Beste, das dem Tennissport in den vergangenen Jahrzehnten passieren konnte.

Federers 20 Grand-Slam-Siege im Überblick:

Verpasse keine News!
Aktiviere die Benachrichtigungen:
Federer Roger
Nadal Rafael
Djokovic Novak

Hot Meistgelesen

03.10.2022

Alcaraz an der Spitze - aber ist Novak Djokovic eigentlich noch die wahre Nummer 1?

03.10.2022

Bernard Tomic gewinnt ITF-Turnier - Kyrgios reagiert amüsiert

04.10.2022

ATP Astana: Goffin schockt Alcaraz, Tsitsipas sicher weiter

05.10.2022

ATP: Frisch wirkt nur Novak Djokovic

06.10.2022

Explosion der Energiepreise - wird Tennis zum Halbjahressport?

von Nikolaus Fink

Donnerstag
15.09.2022, 19:45 Uhr
zuletzt bearbeitet: 16.09.2022, 01:03 Uhr

Verpasse keine News!
Aktiviere die Benachrichtigungen:
Federer Roger
Nadal Rafael
Djokovic Novak