Tallon Griekspoor im Interview: "Ich wusste nicht mehr, wie man verliert"

Tallon Griekspoor spricht im großen Interview mit tennisnet.com über seinen rekordverdächtigen Lauf auf der Challenger-Tour im Vorjahr, den harten Wechsel auf die ATP-Tour und die Matches gegen die ganz Großen des Sports. 

von Michael Rothschädl
zuletzt bearbeitet: 23.04.2022, 14:57 Uhr

Tallon Griekspoor im großen Interview mit tennisnet.com
Tallon Griekspoor im großen Interview mit tennisnet.com

Guten Tag Herr Griekspoor, Sie konnten hier in Barcelona nicht spielen. Wann werden Sie wieder auf der Tour sein?

Ich wollte eigentlich nächste Woche in München spielen, aber ich kämpfe immer noch mit der Nackenverletzung, die ich mir nach Monte Carlo zugezogen habe. München wird also auch schwierig werden, dann wird es wahrscheinlich Madrid oder Rom sein. Wir werden sehen, wie es läuft, ich hoffe, dass ich es nach München schaffe, aber es wird schwer werden.

Sie mussten in dieser Saison schon einige Male zurückziehen. Lag das immer an dieser Nackenverletzung oder hatten Sie noch mit anderen Verletzungen zu kämpfen?

Nein, das ist eigentlich die erste Nackenverletzung. Ich hatte in der ersten Woche des Jahres in Melbourne ein Fußproblem. Ich hatte eine Entzündung in meinem Zeh. Was ich dann noch hatte? Ich weiß es nicht mehr, ich kann mich nicht erinnern. Nach Indian Wells musste ich aus Phoenix rausziehen. Ich hatte Probleme mit meiner Schulter, also ja, ein bisschen Pech mit den Verletzungen in diesem Jahr, aber es ist noch okay. Ich konnte einige Turniere spielen, also ist es noch nicht allzu schlimm.

Sie hatten in letzter Zeit ein paar harte Wochen, mit ein paar Erstrundenniederlagen hintereinander. Wie gehen Sie diesen mental schwierigen Phasen der Saison um?

Nun, ich denke, das ist auch „Part of the Game“. Ende des letzten Jahres lief es wirklich gut für mich. Ich wusste nicht mehr, wie man verliert. Und jetzt fängt man irgendwann an, ein paar Spiele hintereinander zu verlieren. Ich wusste, dass dieser Punkt irgendwann kommen würde. Früher oder später musste es einfach so kommen. In Indian Wells und Miami hatte ich auch körperlich sehr mit einer Krankheit zu kämpfen, das war hart. In letzter Zeit habe ich auf Sand wieder besser gespielt, es war einfach eine schwierige Auslosung. Ich habe ein gutes Match in Monte Carlo gespielt. Ich bin nicht wirklich besorgt. Es ist einfach „Part of the Game“ und ich versuche, hart zu arbeiten und besser zurückzukommen.

Ihre Siegesserie im letzten Jahr hat Ihnen den Spitznamen "Challenger King" eingebracht, mit Ihren rekordverdächtigen acht Challenger-Titeln im letzten Jahr. Wie haben Sie es geschafft, fast die ganze Saison über so konstant zu spielen?

Ich erinnere mich, als ich in Spanien anfing, dort habe ich gut gespielt. Ich ging nach Napoli. Ich habe das zweite Turnier gewonnen und nach dem zweiten Turnier habe ich meinem Trainer gesagt, dass ich das dritte nicht mehr spielen will. Ich war müde, ich dachte, ich würde mich abmühen, und er sagte mir, ich solle das dritte spielen. Ich habe versucht, in der ersten Runde einfach nur da rauszugehen, und ich habe so gut gespielt. Ich war voller Selbstvertrauen. Ich habe gespielt, als ob ich gar nicht daran gedacht hätte, dass ich so gut spiele. Ich habe mich ein paar Tage ausgeruht, und am Ende war ich bereit für das Wochenende und habe ein weiteres Turnier gewonnen. Und dann erinnere ich mich, dass ich nach Tel Aviv gereist bin. Auch dort habe ich gut gespielt. Ich denke, irgendwann hat man einfach das Selbstvertrauen. Die Jungs schauen auch ein bisschen zu dir auf. Ich habe früh im Match ein paar Jungs gebreakt und man hat schon gemerkt, dass ihr Selbstvertrauen nachlässt, also das hat natürlich auch geholfen. Dann am Ende war ich wohl einfach voller Selbstvertrauen. Ich habe es unter die Top 100 geschafft, ich habe mich gut gefühlt und es lief wie von selbst.

Dieses Jahr haben Sie kein Challenger-Turnier gespielt. Wie schwer ist es, dieses Selbstvertrauen und diese Siegesserie vom Challenger auf die ATP-Tour zu übertragen?

Nun, ich denke, es ist mir am Anfang in Australien gut gelungen. Ich habe mich dort auf Anhieb gut gefühlt. Ich denke, das Niveau ist nicht wirklich ein großer Unterschied. Der einzige Unterschied ist, dass man jetzt vom ersten Match an gegen einen Topspieler spielt. Bei den Challengern hat man wahrscheinlich zwei, drei Matches, um sich in das Turnier hineinzuarbeiten. Und ich habe mich immer sehr gut gefühlt, wenn ich viele Matches gespielt habe. Das ist wahrscheinlich das, womit ich jetzt am meisten zu kämpfen habe, weil ich nicht so viele Matches gespielt habe. Es liegt also an mir, so viele Matches wie möglich zu spielen. Ich weiß, dass ich umso besser werde, je weiter ich im Turnier komme, also je mehr Matches ich spiele. Ich denke, das ist die größte Veränderung. Letztes Jahr habe ich, glaube ich, 70, 80 Matches gespielt? Nun, dieses Jahr wird das nicht passieren, es sei denn, man ist unter den Top Ten. So einfach ist das. Das ist wahrscheinlich auch eine neue Sache, an die man sich gewöhnen muss, nicht so viele Spiele zu spielen. Also, ja, ich denke, es braucht einfach Zeit, und ich bin sicher, die Erfolge werden kommen.

Mit Blick auf Ihr Rankings-Breakdown: Sie haben nicht viele Punkte aus ATP-Turnieren zu verteidigen, die meisten Punkte stammen von den Challenger-Titeln, die Sie letztes Jahr gewonnen haben. Es gibt also noch viel Spielraum für Verbesserung in der Weltrangliste, wenn Sie einige gute Turniere auf der ATP-Tour spielen. Was sind Ihre Ziele hinsichtlich der Weltrangliste für diese Saison?

Kurzfristig sind es die Top 50. Bis zum Ende des Jahres möchte ich diese Platzierung halten und sicherstellen, dass ich nächstes Jahr um Platz 50 herum beginne. Denn ich weiß, dass es mein erstes Jahr auf der ATP-Tour ist. Man weiß, dass man irgendwo ein paar schwierige Auslosungen haben wird. Man wird gegen einige Topspieler antreten müssen. Also denke ich, dass es nur darum geht, diese Platzierung zu halten. Die Top 50 sind das Ziel für das Ende des Jahres, aber ich denke, wenn ich mich gut fühle und gut spiele, warum sollte ich dann in der Weltrangliste nicht weiter nach oben kommen?

Sie haben also bereits einige Matches gegen die besten Spieler der ATP-Tour bestritten. Was, denken Sie, machen diese Spieler anders als diejenigen, die vielleicht 50 Plätze weiter hinten in der Weltrangliste stehen?

Nun, ich denke, wenn wir von den Top Ten sprechen, dann sind diese Jungs jeden Tag so stabil. Sie erreichen einfach ein gewisses Niveau. Selbst wenn sie einen schlechten Tag haben, erreichen sie ein bestimmtes Niveau und gehen nie unter dieses Niveau. Ich glaube, wenn man sich Rafa (Anm. Nadal) und Novak (Anm. Djokovic) anschaut: Was sie am besten können, ist, dass sie an ihren schlechtesten Tagen immer noch fast jeden schlagen. Und dann geben sie sich selbst eine weitere Chance, am nächsten Tag besser zu sein. Der größte Unterschied ist, dass ihr Grundniveau so hoch ist. Egal, wie sie sich fühlen oder was sie tun, ihr Niveau sinkt nie darunter. Es gibt so viele Jungs um die 150 und 200, die meiner Meinung nach leicht zu den Top 100 gehören könnten, aber sie sind einfach nicht so konstant. Ich meine, jeder kann im Grunde eine Vorhand schlagen und aufschlagen. Und ich glaube auch, dass die Spitzenleute das Spiel mental und physisch auf ein neues Level gehoben haben. Also, ja, es ist hart. Es geht nicht mehr nur um Vorhand und Rückhand.

Anfang des Jahres hätten Sie beim ATP-Turnier in Melbourne gegen Rafael Nadal gespielt, aber - wie Sie sagten – Sie mussten wegen Ihrer Fußverletzung passen. Sie meinten, Rafa sei ein Idol von Ihnen. Fühlt es sich also wie eine verpasste Gelegenheit an, gegen einen Spieler zu spielen, von dem man nicht weiß, wie oft man noch die Chance bekommt, gegen ihn zu spielen?

Ja, auf jeden Fall. Das war wahrscheinlich das, was mich am meisten daran geärgert hat, nicht gegen Rafa auf Rod Laver spielen zu können. Und um ehrlich zu sein, dachte ich vor dem Match, ich hätte eine gute Chance. Ich habe mich so gut gefühlt, er kam von seiner Verletzung zurück. Er hat nur am Tag zuvor ein Spiel gegen Berankis gespielt. Ich glaube, er hatte ein bisschen zu kämpfen. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich also noch, warum sollte ich nicht eine gute Chance haben? Und dann, drei Wochen später, war er wieder unschlagbar. Das ist einfach ein Zeichen dafür, wie gut diese Jungs sind. Aber ja, das war eine verpasste Gelegenheit, gegen Rafa zu spielen. Ich meine, hoffentlich bekomme ich dieses Jahr noch einmal die Chance, vielleicht nächstes Jahr. Das liegt an ihm. Mal sehen, ich mag es, gegen diese Jungs zu spielen. Das ist für mich der Grund, warum ich Tennis spiele, mich mit den besten Spielern der Welt zu messen. Besonders gerne spiele ich natürlich gegen Rafa, Novak (Anm. Djokovic) und Roger (Anm. Federer), sie sind Legenden des Sports. Natürlich möchte man mit ihnen auf dem Platz stehen.

Wie fühlen Sie sich, wenn Sie gegen sie auf dem Platz stehen? Haben Sie Schmetterlinge im Bauch, wenn Sie gegen diese Jungs auf den Platz gehen?

Um ehrlich zu sein, als ich bei den US Open gegen Novak (Anm. Djokovic) spielte, hatte ich keine Schmetterlinge im Bauch. Ich habe mich schrecklich gefühlt. Er hat mir da draußen ein schlechtes Gefühl gegeben. Als ob er auf einer Mission wäre. Er hat um den Golden Slam gespielt. Also, ja, er hat mir keine Punkte gegeben. Aber klar, wenn man ins Stadion kommt, die Menge sieht, die Menge hört, wenn sie ihren Namen ruft. Ich meine, das ist ein Gefühl, das man wahrscheinlich nicht beschreiben kann. Man kann es nur spüren, wenn man gegen sie spielt. Also, ja, das ist schön.

Im Moment gibt es mit Ihnen und Botic van de Zandschulp zwei Spieler aus den Niederlanden, die unter den Top 60 der Weltrangliste stehen. Pusht ihr euch gegenseitig, um in der Rangliste aufzusteigen und der Bessere zu sein?

Ja, ich denke schon. Wir sind beide praktisch zur gleichen Zeit in die Top 100 gekommen. Er hatte einen verrückten Lauf bei den US Open. Ich habe ziemlich schnell mit einigen guten Challengern nachgezogen. Aber auch davor haben wir jeden Tag zusammen trainiert und haben miteinander geredet und uns gesagt: "Wir sollten unter den ersten Hundert sein. Aber warum sind wir es nicht? Warum sind wir noch nicht so weit?" Ich glaube, das hilft. Er erreicht etwas Starkes. Ich versuche auch, etwas Starkes zu erreichen. Er besiegt einen Spieler, ich denke: "Okay, ich kann den Typen auch schlagen.“ Und wir können natürlich zusammen darüber reden. Wenn er gegen jemanden gespielt hat und ich gegen den Typen spielen muss, schreiben wir eine SMS und reden darüber. Es ist gut, jemanden zu haben, zu dem man aufschauen kann. Und wir sind ein kleines Land. Es gibt nicht allzu viele Spieler. Deshalb denke ich, dass wir uns auch beim Training brauchen und nur voneinander lernen können.

Ein kleiner Rückblick auf die Anfänge eurer Karriere. Wart ihr in der gleichen Akademie oder habt ihr am selben Ort trainiert, als ihr jung wart?

Wir haben erst vor vier, fünf Jahren angefangen, miteinander zu trainieren. Wir waren unterschiedlich alt, haben also in der Jugend nie gegeneinander gespielt. Und er wohnte auf der anderen Seite des Landes - ich meine, das ist nur anderthalb Stunden von mir entfernt - aber wir haben nie zusammen trainiert. Ich schätze, wir hatten beide unseren eigenen Weg dorthin, wo wir jetzt sind. Die letzten vier oder fünf Jahre aber haben wir zusammen trainiert.

Zum Abschluss: Was sind Ihre Ziele für den Davis Cup, wenn es zwei so starke niederländische Spieler gibt?

Nun, wir hatten ein gutes Qualifikationsturnier gegen Kanada. Wir hatten ein bisschen Glück, weil Felix (Anm. Auger-Aliassime) und Shapo (Anm. Denis Shapovalov) nicht dabei waren. Ich denke, wir haben ein tolles Team, wir haben einige gute Doppelspieler. Ich denke, Botic hat gezeigt, dass er an einem guten Tag fast jeden in der Welt schlagen kann. Ja, ich denke, wir haben Glück, dass wir zwei solche Spieler haben und uns nicht nur auf einen Spieler verlassen müssen. Mal sehen, was die Auslosung ergibt, ich glaube, sie ist in ein paar Tagen. Ich denke, wir haben eine gute Chance, einen guten Lauf zu haben, wenn wir uns beide gut fühlen. Wir haben Koolhof (Anm. Wesley) im Doppel, der sich wirklich gut schlägt. Wir als Team sind zuversichtlich, und das haben wir auch während des Länderkampfs mit Kanada gesagt: Warum sollten wir nicht einen schönen Lauf haben?

Vielen Dank für das Interview!

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