Tennis ohne Linienrichter: Das Bessere ist der Feind des Guten

Wenn die Technologie es hergibt, dann liegt es eigentlich nahe, dass alle Turniere auf das elektronische Line-Calling zurückgreifen. In Wimbledon aber regierte auch 2022 noch die Tradition. Wofür es immerhin einen guten Grund gibt.

von Jens Huiber
zuletzt bearbeitet: 13.07.2022, 14:10 Uhr

Tja: Wie weit möchte Carlos Alcaraz dem menschlichen Auge trauen?
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Tja: Wie weit möchte Carlos Alcaraz dem menschlichen Auge trauen?

Dienstagnachmittag in Bastad also, Dominic Thiem spielt gegen Emil Ruusuvuori. Der Finne serviert durch die Mitte, der Ball wird „aus“ gegeben. Thiem schaut sich den Abdruck an, wischt mit dem Fuß drüber, ein Zeichen der Fairness und eben auch dafür, dass Ruusuvuori bitteschön seinen ersten Aufschlag wiederholen soll. Der aber hatte schon die elektronische Überprüfung seines Aufschlags angefordert. Und die ergab, dass der Aufprall des Balles weit hinter der Service-Line erfolgt war. Thiem nahm das kopfschüttelnd zur Kenntnis, sein Gegner auch.

Nun mag es vielleicht daran liegen, dass die Technologie auf Asche noch nicht ganz so weit ist (bei den bisherigen Versuchen gab es allerdings wenig zu beanstanden) wie auf Hartplatz oder Rasen. Eben dort sollte man aber vielleicht doch auf das hinlänglich erfolgreiche Live-Calling der Linien durch ein elektronisches System zurückgreifen. Was bei den US-Sommerturnieren auf Hartplatz auch passieren wird. Und was auf Rasen, etwa in Stuttgart, ebenfalls einwandfrei funktioniert hat.

In Wimbledon haben sich die Veranstalter dagegen entschieden. Aus welchen Gründen auch immer: Womöglich war es mal wieder die Tradition, die einer Abschaffung des Linienpersonals im Wege stand. Wenn man allerdings sieht, wie weit die zuständigen Personen auf dem Centre Court und Court 1 von den Aufschlaglinien entfernt sitzen, dann liegt der Verdacht nahe, dass das menschliche Auge ab und zu überfordert sein könnte.

Enge Situation im Wimbledon-Finale der Frauen

Im Endspiel der Frauen gab es schließlich ja auch eine Situation, die den Spielverlauf auf den Kopf hätte drehen können: Anfang des zweiten Satzes versuchte Elena Rybakina gerade, ihr eben gewonnenes Brak zu bestätigen und spielte bei 40:15 einen Ball an die Grundlinie. Ons Jabeur hob die Hand, der Linienrichter gab den Schlag „aus“, Rybakina verlor den Punkt und musste über Einstand gehen. Im TV wurde allerdings das Verdikt des Hawkeyes gezeigt: Der Ball war ziemlich mittig auf der Grundlinie gelandet. Nun hätte Rybakina natürlich eine Challenge nehmen oder auf ein Überstimmen der Stuhlschiedsrichterin hoffen können. Beides bleib aus. Wie auch die Wende, eingeleitet durch eine nachweislich falsche Entscheidung.

Auch ein netter Anachronismus, der wohl nur noch in Wimbledon zu finden ist: Hinter der Grundlinie sind drei Offizielle postiert - und einer/eine darf sich immer mal wieder ein paar Minuten frei nehmen. Die Mittellinie am T wird ja nur dann bewertet, wenn der Ball von der anderen Seite kommt.

Im Sinne der Gerechtigkeit wäre es zweifellos besser, man würde dort, wo es möglich ist, auf technische Hilfen zurückgreifen. Aus ästhetischer Sicht muss man andererseits aber sagen: Vor allem bei den French Open und in Wimbledon sind die LinienrichterInnen derart grandios gekleidet, dass tatsächlich etwas fehlen würde, kämen sie in den kommenden Jahren nicht mehr zum Einsatz.

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13.07.2022, 14:29 Uhr
zuletzt bearbeitet: 13.07.2022, 14:10 Uhr