Trainingstage im Bombenhagel
Die verblüffende Karriere von Novak Djokovic erreicht beim Davis-Cup-Finale in Belgrad ihren Höhepunkt.
von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet:
02.12.2010, 11:02 Uhr

Von Jörg Allmeroth
Sie hat mit dem feinen Gespür für Talent fast alle Tennisgrößen entdeckt, die in den letzten zwanzig Jahren vom Balkan kamen und im Tennis ein gehöriges Wörtchen mitredeten. Sie hat die Karrieren von Monica Seles, Iva Majoli und Goran Ivanisevic entscheidend befördert und beeinflusst. Und nun ist die aparte blonde Frau, die mit 74 Jahren eher aussieht wie 60, auch noch irgendwie schuld daran, dass die ganze Tenniswelt an diesem ersten Dezember-Wochenende nach Belgrad blickt und sich eine ganze Nation im sportlichen Ausnahmezustand befindet.
Schließlich hat Jelena Gencic, ehemalige Handball-Nationalspielerin, ehemalige Tennismeisterin, ehemalige Fernsehdirektorin, Anfang der 90er Jahre in einem kleinen Skiresort - 80 Kilometer von Belgrad entfernt - einen ehrgeizigen Steppke namens Novak Djokvic entdeckt, der inzwischen die Nummer drei der Welt ist, der das serbische Davis Cup-Team als unumschränkter Leitwolf anführt – und der von Freitag bis Sonntag an allererster Stelle für einen sporthistorischen Moment in seinem Land sorgen kann: Gewinnt Serbien tatsächlich den Tennis-Pott im spannungsgeladenen Finalduell gegen Frankreichs Musketiere (www.spobox.tv überträgt im Internet alle Partien live), wäre es der größte Erfolg, seit einst der Vielvölkerstaat Jugoslawien in kriegerischen Auseinandersetzungen zusammenbrach. „Es geht um mehr als nur um Tennis“, sagt Djokovic, die ikonenhafte Figur der Mannschaft, mit einem Hauch von Pathos, „es geht auch darum, der Welt ein anderes serbisches Gesicht zu zeigen.“ Zu lange, so Djokovic, „waren wir nur mit Krieg, Hass, Zerstörung identifiziert. Nun soll endgültig eine neue Epoche beginnen. Natürlich mit einem Sieg.“
Training, wo gestern noch Bomben fielen
Der „New York Times“ erklärte Djokovic kürzlich, er habe auch jetzt noch Angstgefühle, wenn er plötzlich laute Geräusche in seiner Umgebung höre, da sei er wohl „leicht traumatisiert.“ Er spielte damit auf die Wirrnisse an, die seine Kinder- und Jugendjahre auch als Tennisspieler prägten, jene Zeit in den 90er Jahren, in der Serbien sich im Zuge des Balkankriegs in totaler Isolation befand und dann 1999 fast drei Monate lang von NATO-Truppen bombardiert wurde. Mit seiner Lehrerin Gencic, die ihn einst im Örtchen Kopaonik entdeckt hatte, dort, wo die Eltern Djokovics auch ein Restaurant betrieben, absolvierte er schließlich seine Tennisübungen bevorzugt in den Belgrader Stadtteilen, „wo am Tag zuvor die Explosionen zu hören waren“: „Das schien uns am sichersten, denn diese Ziele wären wohl abgehakt. Doch die Bomben schlugen trotzdem nicht weit weg von uns ein.“ Djokovic kann es selbst kaum glauben, dass in dieser selben Stadt nun das größte Tennisereignis für Ländermannschaften stattfindet – und er die Hauptrolle spielt: „Das ist mehr, als ich mir in meinen kühnsten Träumen jemals ausgedacht hätte.“
Ohne diesen Djokovic wäre das serbische Wunder eines Finaleinzugs nicht denkbar gewesen. Und ohne die Bedingungslosigkeit der Familie Djokovics auch nicht, die fast alle Ersparnisse auf eine Erfolgslaufbahn des Sohnes setzte, sogar Kredite aufnahm, um den Aufenthalt von „Nole“, so Djokovics Spitzname, im Ausland zu finanzieren. Mehr als zwei Jahre campierte Djokovic auch in der Münchner „Academy“ von Niki Pilic, der dem Teenager weiteren Feinschliff gab und auf ein Leben im Profitennis vorbereitete. Jelena Gencic hatte einst zu den Eltern Djokovics gesagt, sie hätten ein „goldenes Kind“, und dem schloss sich Pilic runde zehn Jahre später kompromisslos in seiner Diktion an: „Er war ein Bursche, wie man ihn nur zwei, drei Mal in seinem Leben als Lehrling hat. Ich wusste, dass er etwas Besonderes wird im Tennis.“
Crashkurs in die Top 3
Djokovic hat schon aufregende Jahre im Welttennis mitgemacht – und durchlitten. Er war der Erste, der in die Wohlfühlzone der lange Zeit allein regierenden Stars Federer und Nadal hereinbrach. Er stand schon auf Platz zwei der Weltrangliste, er gewann 2008 die Australian Open, in jenem Jahr auch die Weltmeisterschaft, doch er machte auch Schlagzeilen als Verletzungssimulant, als Mann mit ewigen Zipperlein – und nicht zuletzt als Spaßvogel, der auch nicht davor zurückschreckte, öffentlich Imitationen seiner schärfsten Rivalen aufzuführen. „Es war eine wilde Fahrt. Jetzt geht es ruhiger zu“, sagt Djokovic, „ich habe meine Ausbildung als Crashkurs genossen.“ Er sei gezwungen gewesen, „sehr früh sehr erwachsen zu werden.“
Als Spitzenmann, hinter dem sich eine neue starke Generation von serbischen Profis schart, hat er seine gewachsene Statur in dieser Saison meisterlich bewiesen. Djokovic ist keineswegs alles im serbischen Tennis, da sind auch noch die starken Solisten Viktor Troicki und Janko Tipsarevic und der ehemalige Weltranglistenerste im Doppel, Nenad Zimonjic. Aber ohne ihn wäre das Team jetzt nicht in der komfortablen, vor zwei, drei Jahren noch undenkbar schönen Lage, vor eigenem Publikum den Davis Cup gewinnen zu können. Noch 2008 und 2009 kämpften die Serben jedes Mal in Relegationsmatches um den Verbleib in der Tennis-Champions League, nun geht es nach den bemerkenswerten Siegen gegen die USA, Kroatien und Tschechien im Endspiel gegen Frankreich um den Siegerpokal.
Auch Jelena Gencic wird zu den 16 200 Zuschauern gehören, die in der Belgrader Arena ein rauschendes Davis-Cup-Fest mit Happy End feiern wollen. Schafft Serbien den Coup, sagt die Trainerin, „wird es das größte Fest geben, das wir in unserem Sportlerleben gefeiert haben.“(Foto: J. Hasenkopf)
