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Gael Monfils macht ernst (und hat Spaß dabei)

„Mr. Trickshot“ wehrt sich gegen sein Image und will gegen Novak Djokovic die Zeit zurückdrehen.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 07.09.2016, 15:44 Uhr

NEW YORK, NY - SEPTEMBER 06: Gael Monfils of France returns a shot to Lucas Pouille of France during their Men's Singles Quarterfinal Match on Day Nine of the 2016 US Open at the USTA Billie Jean King National Tennis Center on September 6, 2016 in t...

Die Fans vonGael Monfilswollen vor allem eins: Spaß haben. In den vergangenen zwei Wochen mussten sie sich allerdings etwas umgewöhnen. Denn Monfils, dem der spektakuläre Schlag für die Gallery immer wichtiger schien als der erfolgversprechendste, hat offenbar neue Prioritäten gesetzt: Er will gewinnen.

Wobei sich das eine und das andere nicht zwingend ausschließen muss. Auch wenn sich der Franzose natürlich die Frage gefallen lassen muss, welchen Sinn es macht,sich während eines Ballwechsels an die Schuhe zu greifenund so den Punkt mehr oder weniger abzuschenken. Eine Frage, die zwangsläufig zur nächsten Frage führt, nämlich zu der, die man sich seit Jahren zum Thema Monfils stellt: Macht er, einer der talentiertesten, spielstärksten, athletischsten Spaßvögel der Gegenwart, endlich ernst, bevor seine Zeit für den ganz großen Sieg abgelaufen ist?

„Kein Sinn, eine Show abzuziehen und zu verlieren”

„Die Aktion mit den Schnürsenkeln, das war ein Punkt innerhalb eines perfekten, glatten Siegs gegen Baghdatis“, verteidigte sich Monfils nach seinem überzeugenden Viertelfinalsieg gegen Landsmann Lucas Pouille. „Aber ihr macht da was draus und sagt ‚Oh, er zieht eine Show ab’. Auch wenn ich einen Trickshot versuche und ihn treffe, werdet ihr nach wie vor sagen, ich sei ein Showmann. Bei allem Respekt: Ihr seid es, die mich so darstellen“, antwortete er in der Pressekonferenz auf eine Frage, die sich auf sein sehr fokussiertes, intelligentes und kontrolliertes Match bezog und somit eigentlich als Kompliment gemeint war. „Ich fliege, weil ich den Punkt gewinnen will. Wenn ich eine Show abziehe, ist es, weil ich gewinnen will. Worin liegt der Sinn, eine Show abzuziehen und zu verlieren?“

Spaß brauche er dennoch weiterhin, bestätigte der mittlerweile 30-Jährige. Jedoch scheint es, als habe Monfils seine Prioritäten insoweit verlagert, zumindest sichere Punkte als solche abzuhaken, vor allem bei kritischen Spielständen. Nebenbei hat er sich im Stile eines Spitzenmanns in sein erstes Halbfinale der US Open gespielt, nämlich ohne Satz- und Kraftverlust, im Vergleich zu sonstigen Vorstößen in spätere Runden, denen oft lange und anstrengende Matches vorausgegangen waren. Und auch wenn sein nächster Gegner,Novak Djokovic, noch kürzer auf dem Platz stand, sollte Monfils ausgeruht in das Duell gehen – ein Duell, das sich in den letzten Jahren so ganz anders entwickelt hat, als es ursprünglich mal begonnen hatte.

Monfils und ein Beinahe-Grand-Slam

„Damals war er viel besser als ich“, erinnerte sich auch Novak Djokovicnach seinem Kurzauftritt gegen Jo-Wilfried Tsongaim ESPN-Gespräch mit Brad Gilbert und Co. „In der Jugend haben wir oft gegeneinander gespielt und er hat meist gewonnen. Er war schon damals unglaublich athletisch.“ Vor allem 2004 war das Jahr des damals 17-jährigen Monfils – hier gewann er die Jugendkonkurrenzen von Melbourne, Paris und Wimbledon und holte drei von vier möglichen Major-Titeln der U18-Konkurrenz – ein Kunststück, das zuvor nur Stefan Edberg gelungen war (der 1983 sogar den Jugend-Grand-Slam gewann). Novak Djokovic sucht man in der Siegerliste der U18 übrigens vergebens. Eine Tatsache, zu der man Monfils gratulieren kann, allerdings ebenso eine, die zeigt, dass deutlich mehr für ihn möglich gewesen wäre. Einerseits mit weniger Verletzungspech, andererseits mit einer professionelleren Einstellung. Einer Einstellung wie der von Djokovic.

Seit dem Sprung zu den Profis liest sich die Bilanz im direkten Duell zwischen Djokovic und Monfils äußerst nüchtern: Zwölf Mal traten beide gegeneinander an, zwölf Mal hieß der Sieger Djokovic. Das engste Match fand vor genau elf Jahren statt, in Runde eins der US Open 2005, als Djokovic 7:5, 4:6, 7:6 (5), 0:6 und 7:5 gewann und noch offen schien, wer von beiden die erfolgreichere Karriere hinlegen würde.

Djokovic würde sich ein Ticket kaufen

Allerdings hat auch Djokovic in jüngster Zeit eine Wandlung im Spiel von Monfils ausgemacht. „Er scheint deutlich fokussierter in dieser Phase seiner Karriere. Speziell auf Hartplatz spielt er in diesem Jahr sein bestes Tennis überhaupt.“ Eine Analyse, die man angesichts eines Viertelfinals bei den Australian Open, einem Finale in Rotterdam, Viertelfinals in Indian Wells und Miami, einem Sieg in Washington, einem Viertelfinale in Rio und einem Finale in Toronto so stehen lassen kann.

„Er wäre einer der wenigen Spieler, für die ich mir ein Ticket kaufen würde“, sagte Djokovic außerdem, auch wenn diese Aussage wohl auf ewig hypothetischer Natur sein wird, definitiv jedenfalls am Freitag. Hier wird Djokovic ohnehin den unschätzbaren Vorteil genießen dürfen, auch ohne Eintrittskarte den besten Platz im Stadion zu haben. Wie viel Spaß er beim Zuschauen haben mag, wird wohl auch davon abhängen, wie das Verhältnis zwischen Trickshot- und Prozent-Tennis auf der gegenüberliegenden Seite aussehen wird.

von tennisnet.com

Mittwoch
07.09.2016, 15:44 Uhr