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Warum Spieler im Match scheitern, obwohl sie stark trainieren

Auf dem Trainingsplatz läuft es, doch in den Matches geht plötzlich gar nichts mehr? Tennis-Insider Marco Kühn verrät, woran das liegt und hat Tipps, wie es beim nächsten Mal besser läuft.

von Marco Kühn
zuletzt bearbeitet: 10.02.2026, 10:17 Uhr

Manchmal kann der Tennissport anstrengend sein ...
© Getty Images
Manchmal kann der Tennissport anstrengend sein ...

Thomas hatte sein Racket nach 20 Jahren entstaubt.

Als Kind und Jugendlicher war er in seinem Heimatverein einer der besten Spieler in seinem Alter. Er hatte super Trainer und lernte die Technik von der Pike auf. Wie das Leben so läuft, kamen später das Studium, der Beruf und die Familie zwischen Bespannung und Tennisplatz. Thomas legte eine knapp 20-jährige Tennispause ein. Bis ihn der Ehrgeiz wieder packte. Thomas kramte die verstaubte Wilsontasche aus dem Keller, die beim Umzug ins Haus irgendwie mitgekommen war. Er ging zu Intersport in der Stadt, ließ sich die Schläger neu bespannen und marschierte zurück auf den Court.

An der Grundlinie angekommen, kamen die Schläge schneller, als Thomas gedacht hatte. Innerhalb weniger Wochen gewann er seine Trainingsspiele. Thomas "qualifizierte" sich für die zweite Herrenmannschaft.

Doch bereits in seinem ersten offiziellen Spiel ging gar nichts mehr. Thomas stand wie angefroren an der Grundlinie. Die Körperspannung war futsch. Sein rechter Schlagarm steif. Von seinen guten Trainingsleistungen war im ersten Heimspiel für seine Mannschaft nichts zu sehen. Er mühte sich, aber er verlor nicht nur gegen einen guten Gegner. Thomas verlor auch gegen sich selbst. Warum gibt es so viele Spieler, die im Training eine hervorragende Kugel spielen, im Match aber an ihren Nerven scheitern?

Wir versuchen heute, genau dies herauszufinden.

Was ist der Unterschied zwischen Training und Match?

Es gibt einen riesigen Unterschied, den man als Tennisspieler nicht auf dem Schirm hat. In deinen Trainerstunden bekommst du die Bälle von deinem Trainer zugespielt. Diese Bälle besitzen kaum Spin, Slice oder andere Gemeinheiten. Du bekommst einen soliden Rhythmus für deine Bewegungen. Einen Rhythmus, den du im Match nicht bekommst. Da weiß selbst dein Gegner manchmal nicht, wohin er den Ball wie spielt.

In einer Trainerstunde spielst du einen ganzen Korb Bälle nacheinander. Du weißt, wohin diese Bälle kommen. Die Übungen sind ja zuvor abgesprochen. Dein Gehirn muss sich nicht anpassen. Du kannst dich besser auf die Ausführung deiner Schläge konzentrieren. Durch die vielen Bälle, die du spielst, entsteht automatisch ein Flow in deinen Bewegungen. Ein Flow, der dir in deinen Matches fehlt.

Auch in deinen Trainingsspielen kennst du deinen Spielpartner. Du kennst sein Tempo, seine Schläge, seine Stärken und seine Schwächen. Im Trainingsspiel hast du auch weniger Zuschauer, weniger Turnierdruck und dadurch viel weniger Kopf.

Welche 'Symptome" spürt man im Match?

Thomas hat uns bereits Beispiele gezeigt. Ein Turnierspiel kann einen ganz anderen Spieler zeigen, als man im Training ist. Deswegen fühlen sich viele Spieler im Match auch so rat- und hilflos. Sie wissen gar nicht, wie ihnen geschieht.

Der Schlagarm wird steif. Du schwingst nicht mehr richtig durch. Deine Vorhand-Peitsche aus dem Training wird nur noch geschubst. Du hast Angst den Fehler zu machen, spielst vorsichtig und dabei unterlaufen dir nur noch mehr Fehler. Deine Körperspannung verabschiedet sich und viele Spieler bewegen sich in ihren Turnierspielen viel weniger als im Training.

All diese Symptome sind bis zu einem gewissen Grad normal. Was uns aber zu einer wichtigen Frage führt.

Warum blockiert man im Match?

Deine Erwartungen kollidieren mit der Realität im Match. Der Matchplan wird gerne zu voll gepackt. Man will auf dem Platz sein Bestes geben, schätzt sein Bestes aber falsch ein. Hier kommt der ewige Vergleich zwischen Training und Match um den Netzpfosten geschlichen. Training und Match werden gerne miteinander verglichen. Man meint, man kann sein bestes Tennis aus dem Training auch problemlos im Match zeigen. Dabei vergisst man gerne, dass Training und Match zwei unterschiedliche Sportarten sind. Wer gut Chinesisch spricht, spricht nicht automatisch gut spanisch. Es gibt immer Spieler, die besser im Training als im Match performen. So wie es auch Spieler gibt, die trainingsmüde sind, dafür aber viel besser im Match spielen. Das ist aber seltener. Die meisten Spieler nehmen sich für ihre Matches zu viel vor. 

Wenn das Gehirn mit zu vielen Informationen beladen ist, kommt es schneller zu einem Kurzschluss. Dieser Kurzschluss wird von vielen Spielern dann als Blockade oder Kopfproblem bezeichnet. Verrückt ist aber: Viele Spieler könnten viel besser unter Stress performen, wenn sie ihre Perspektive verändern würden. Wir Tennisspieler sind großartig darin, negativ über uns zu denken.

Wir gehen mit großen Erwartungen auf den Platz. Dann funktioniert drei Aufschlagspiele lang nichts. Diese drei Aufschlagspiele sorgen dann für ein nervliches und emotionales Chaos. Den Rest des Matches ist man dann mit dem Aufräumen dieses Chaos beschäftigt, anstatt dieses einfach links liegenzulassen und sich gedanklich mit dem Match zu beschäftigen.

Wie kann man mit Blockaden umgehen?

Was sich in meiner Arbeit mit Spielern am meisten bewährt hat, ist das Verschieben der Perspektive. Das ist ein großer Schritt. Dafür aber auch einer, der sich lohnt. Dazu veränderst du die Einstellung, mit der du auf den Platz gehst. Die Einstellung, die ich dir gleich verrate, gilt für junge Spieler ebenso wie für Ü-60-Haudegen.

Tennis ist ein so dynamischer Sport, mit Ups und Downs, Wechseln des Momentums, dass eine exakte Planung des Matches unmöglich ist. Du hast bei einem Tennismatch unglaublich wenig Kontrolle. Wenn wir ehrlich sind, kannst du nur eine Sache zu 100 % kontrollieren. Und zwar, wie du auf den ganzen Match-Wahnsinn nervlich und emotional reagierst. Du hast keine 100 % Kontrolle darüber, ob du als Sieger oder Verlierer vom Platz gehen wirst. Du hast keine echte Kontrolle darüber, wie das Match verlaufen wird. Du hast nicht mal Kontrolle darüber, wie der nächste Ballwechsel verlaufen wird. Warum sollst du also so viele Erwartungen und Pläne mit ins Match nehmen? All deine Erwartungen und Pläne sind potenzielle Frustfallen, in die du hineinfallen kannst.

Meine Idee für deinen Kopf lautet daher: Ins Match gehen, um zu lernen. Jepp, du hast richtig gelesen. Gehe in deine Spiele, um so viel wie möglich über dich, deine Spielweise, den Gegner und den Sport lernen zu wollen. Frage dich beim Seitenwechsel nicht: "Wie kann ich jetzt noch gewinnen?". Frage dich: "Was habe ich bisher gelernt? Und wie kann ich das Gelernte beim nächsten Punkt umsetzen?". Das verändert deine emotionale Stimmung ins Positive. Verbessert sich deine Emotion, so verbessert sich auch deine Leistung zwischen T- und Grundlinie.

Baue dir einen simplen Matchplan. Dieser Matchplan sollte nur Dinge beinhalten, die zu 100 % in deiner Kontrolle liegen. Ein solcher Matchplan kann wie folgt aussehen:

1) Gut bewegen
2) Ball aufmerksam anschauen
3) Fehler schnell abhaken

Das ist ein solider Matchplan, der umsetzbar ist.  Versuche, deine Perspektive zu verändern. Du bist nicht der Spieler, der unter Druck versagt. Du bist der Spieler, der unter Druck noch viel Potenzial besitzt. Das ist die Wahrheit, die dich von dem negativen Denken wegzieht. Fokussiere dich darauf, kleine Dinge im Match perfekt umzusetzen, anstatt ein ganzes Match dein Tennis aus dem Training zeigen zu wollen.

Fazit

Wir haben heute herausgefunden, dass Training und Match zwei unterschiedliche Sportarten sind. Im Match bekommst du ganz andere Bälle zugespielt, als noch im Training. Versuche deine Erwartungen im Match anzupassen und fokussiere dich ausschließlich auf die Sachen, die zu 100 % in deiner Kontrolle liegen. 

Symptome wie ein steifer Arm oder fehlende Körperspannung gehören wie die Nervosität zu jedem guten Match dazu. Nimm diese Sachen an und versuche dich nicht, dich dagegen zu wehren. Das macht alles nur schlimmer.

Gehe mit der Einstellung ins Match, viel lernen zu wollen. Nutze dazu einen simplen Matchplan.

Mehr Informationen über den Kopf beim Tennis findest du auf https://www.tennis-insider.de/mental-report.

von Marco Kühn

Dienstag
10.02.2026, 11:00 Uhr
zuletzt bearbeitet: 10.02.2026, 10:17 Uhr