Andre Agassi – Begegnung mit einem Schlag, der Krater hinterließ

Sein Return galt einst als der beste der Welt. In Stuttgart zeigt Andre Agassi noch einmal, was diesen Schlag unvergessen macht.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 21.04.2015, 08:45 Uhr

Von Stefan Leyh aus Stuttgart

Vor und zurück, vor und zurück. Immer noch wie früher. Wenn Andre Agassi sich zum Return bereitmacht, dürfen seine Trippelschritte nicht fehlen. Am Montagabend war es wieder so weit. Im Stuttgarter Tennistempel, der Porsche-Arena, trippelte er im Legenden-Duell gegenThomas Musternoch einmal hinter der Grundlinie. Wenn der Spielstand es erforderte, brachte er jeden Return im Feld unter. Doch wenn er glaubte, die Richtung des Balles frühzeitig lesen zu können, dann Hallelujah! Dann fegte er über ihn hinweg. Für seine Gegner früher waren das Einschläge, die Krater in ihrem Selbstvertrauen hinterließen. Wenig später bröckelte nicht selten auch ihr Vorsprung.

Wie ein Duell mit umgedrehten Waffen

„Es fühlt sich an, als weiß er immer schon, wohin du servierst“, resümierte einst ein verzweifelter John McEnroe, den Agassi 1992 auf dem Weg zu seinem ersten Majortitel in Wimbledon schlug. Agassi bekam nicht nur den Schläger an den Ball, er konnte mit ihm auch immer etwas anstellen. Entscheidend für seinen Erfolg waren weniger die direkten Punkte, die er mit diesem Schlag machte. Viel ertragreicher erwiesen sich die vielen Bälle, die er ohne Fokus auf Härte einfach nur lang returnierte. Gespielt in dem Bewusstsein, dass diese im Duell zweier gleich starker Grundlinienspieler ihm den ersten Vorteil bescheren würden.

Druck auf den Ball bekam er durch sein beispielloses Talent, ihn im Aufsteigen schlagen zu können. Agassi spielte mit den Aufschlägern. Er verwandte ihre größte Stärke – die Beschleunigung der Kugel – gegen sie, indem er ihre Geschosse an der Grundlinie entgegennahm und umlenkte. „Ganz gleich wie gut du aufschlägst, er zwingt dich dazu, etwas an deinem Aufschlag zu ändern, er bringt dich ins Grübeln“, urteilte einmalGreg Rusedski, der zur Jahrtausendwende lange Zeit den Rekord für den schnellsten Aufschlag der Welt hielt.

Für Agassi war es ein Glücksspiel

Bis heute ziehen Tennistrainer auf der ganzen Welt Agassi als Beispiel heran, wenn sie die Technik des Returns erklären müssen. An keinem lassen sich die Abläufe dieses Schlags besser studieren als an ihm, keiner kommt den Idealen aus den Lehrbüchern näher. Vor allem für sich selbst, für seinen Spielstil, fand er die ideale Technik: ein kurzer, gerader Rückschwung; eine minimale Schleife im Umkehrpunkt; dazu ein Griff, der nicht zu extrem ist, um die vielen tiefen Bälle, die er von der Grundlinie kratzte, kontrolliert spielen zu können. Das alles unterstützte seine Spielweise.

„Mein Return basiert auf einer einfachen Hüftdrehung“, verriet er einem Journalisten einmal. „Wenn Sie nur Ihre Hüfte drehen, sind Sie bereit für den Schlag.“ Klingt simpel, doch für viel mehr Aufwand fehlte ihm mit seinem Stil die Zeit. Gegen starke Aufschläger wieGoran IvanisevicoderMark Philippoussisentschied er sich noch einmal einen Sekundenbruchteil früher für eine Ecke – auch auf die Gefahr hin, ein Ass einzustecken. „Was ich machte, war begründetes Raten“, gab er im Nachhinein zu. Begründet deshalb, weil seine Entscheidung darauf fußte, was seine Gegner in ihren Bewegungen über die Aufschlagrichtung preisgaben: ihre Körperwinkel, ihren Ballwurf, die Schwungrichtung ihres Schlägers.

Agassi: „Ich war gar nicht so gut.“

Darin, im Lesen von Aufschlägen, war Agassi begnadet; von den heutigen Profis höchstens noch vonNovak Djokovicerreicht. Der Weltranglisten-Erste setzt aktuell die Standards im Returnspiel. Und er hat Agassi etwas voraus. Dieser war nie so sicher von weiter hinten auf dem Platz wie es Djokovic ist. „Seine Fähigkeit, selbst aus defensiven Positionen einen zwingenden Return zu spielen, ist einmalig in unserem Sport“, lobte Agassi unlängst. „Er kann mit dem Return anstellen, was immer er will, zu jeder Zeit. Es ist überragend, an wie viele Bälle er noch herankommt.“

Würde Agassi heute noch genauso offensiv returnieren, in einer Zeit, in der Geschwindigkeit und Spin höher denn je sind? Ja. Denn er hätte, wie er glaubt, gar keine andere Wahl: „Meine Reichweite, meine Platzabdeckung war nicht so gut, wie viele glaubten. Ich musste etwas riskieren, wenn ich an den Ball kam. Offensive war meine beste Verteidigung, umso mehr, je älter ich wurde.“ Klingt bescheiden für einen, den Viele in den Diskussionen über den besten Rückschlag aller Zeiten ganz vorne sehen. Auch sein unterlegener Showkampf-Gegner Thomas Muster: „Andre war seiner Zeit voraus. Ich glaube, er würde heute noch genauso spielen – und er hätte Erfolg damit.“

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Dienstag
21.04.2015, 08:45 Uhr