Markus Günthardt im Interview – „Da fehlt mir die Nachhaltigkeit“

Der Turnierdirektor des Porsche Tennis Grand Prix spricht im Interview über Deutschlands größtes Damenturnier und dessen Bedeutung.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 23.04.2016, 08:25 Uhr

LINZ,AUSTRIA,02.JUL.15 - TENNIS - Generali Ladies, press conference. Image shows Markus Guenthardt. Photo: GEPA pictures/ Matthias Hauer

Markus Günthardt (59) gehört zu den erfahrensten Turniermanagern der Welt. Der ehemalige Profi aus der Schweiz verantwortete auch schon die Eurocard Open in Stuttgart, das Masters-Turnier in Madrid und von 1996 bis 1999 auch die ATP-WM in Hannover. Seit 2005 arbeitet der langjährige Vertraute von Ion Tiriac als Chef des Porsche Tennis Grand Prix.

Herr Günthardt,der Porsche Tennis Grand Prixist seit vielen Jahren das beliebteste Turnier der WTA-Tour, immer wieder von den Spielerinnen auf Platz eins gesetzt. Was kann man da eigentlich noch besser machen?

Markus Günthardt: Wir freuen uns über diese Auszeichnungen, über diese Anerkennung. Aber wir wissen auch: Stillstand ist Rückschritt. Nichts ist jemals perfekt, und so können auch wir stets etwas optimieren. Natürlich sind das oft nur kleine Details, aber diesen Anspruch muss man auch haben: Jedes Detail macht dann das Gesamtbild stimmig. Eine andere Frage ist die: Lohnt sich der finanzielle Einsatz, um hier und da Korrekturen vorzunehmen. Oder verletzt das die Balance. Nicht alles Machbare ist auch notwendig, das gilt es auch zu betonen.

Wie würden Sie den Anspruch, das Leitmotiv beschreiben, das für dieses Tennisprodukt gilt?

Günthardt: Das Turnier ist eine Kreation. Jedenfalls betrifft das alles, was sich neben dem Tennisplatz abspielt. Auf dem Court ist alles klar definiert, das Spiel, die Regeln. Alles daneben ist das, was wir draus machen. Für mich ist wichtig, dass sich alle, absolut alle bei diesem Turnier wohlfühlen, dass sie gerne da sind – ob Spielerinnen, Fans, Medien, VIPs oder auch alle, die beim Porsche Grand Prix arbeiten. Jeder sollte schließlich mit dem Gefühl weggehen: Ich möchte wiederkommen zu diesem Turnier. Ich hatte hier ein schönes Erlebnis.

Hat sich die Anspruchshaltung der Zuschauer verändert über die Jahre?

Günthardt: Nun, ich glaube, die Menschen sehen, dass wir ein sehr gutes Produkt bieten. Und sie wollen ganz sicher, dass wir dieses Niveau auch halten, dass wir nicht nachlässig werden und uns sogar verschlechtern. Das deckt sich mit unserem Credo. Ich habe im übrigen auch keine Lust, einfach nur alles das zu machen, was wir schon letztes Jahr gemacht haben. Wir haben ein Basiskonzept, ein Grundgerüst, aber wir verändern dann immer Einzelheiten. Dieses Jahr haben wir zum Beispiel eine ganz neue Hintergrundbeleuchtung für unsere Banden, da freue ich mich jedes Mal, wenn ich da draufschaue. Das ist genial, die kann man in ihrer Stärke wunderbar regulieren.

Sind Sie mit der Vertragssituation für das Turnier hier in Deutschland zufrieden?

Günthardt: Man muss zunächst festhalten, dass es ja kein Zurück mehr geben wird zu der Situation in den 80er- oder 90er-Jahren, als man diese enormen Tenniszeiten im Fernsehen hatte. Und man muss sich vor Augen halten, dass die Landschaft in den Medien einem radikalen Wandel unterzogen ist. Da ist vieles in Bewegung, logischerweise auch das Konsumverhalten der TV-Seher. Vor diesem Hintergrund bin ich sehr zufrieden mit der jetzigen Lösung – die Abdeckung durch den SWR und das deutsche Eurosport-Fenster sowie die durchlaufenden Streams auf ran.de und tennis.de.

Die Perform-Gruppe hat gerade die Rechte für die nächsten zehn Jahre von der WTA-Tour gekauft. Das Turnier könnte allerdings die Heim-TV-Rechte separat für deutsche Anstalten anbieten.

Günthardt: Für mich macht es eigentlich nur Sinn, wenn alle Rechte in einen Topf kommen und von einem Partner gekauft werden, der sich dann auch entsprechend nachhaltig um das Produkt Tennis kümmert. Der das wirklich engagiert und kompetent tut, der dem Circuit auch konsequent nachfolgt. Deshalb verzichten wir zunächst auf eine eigenständige Vermarktung. Zunächst deshalb, weil ich eben bis September einen Deal sehen möchte, der uns mindestens eine ähnlich gute Abdeckung wie bisher garantiert. Wenn nicht, werden wir das doch in die eigenen Hände nehmen. Im Idealfall haben wir aber einen Sender, der auch den deutschen Damen das ganze Jahr folgt, ihre Matches zeigt. Das ist dann auch ein Gewinn für uns, weil es die gesamte Aufmerksamkeit steigert. Dieser Partner würde dann auch unser Turnier zeigen, und das Gute wäre: Die Leute wüssten ganz automatisch, dass hier das Tennis läuft. Es wäre nicht, wie so oft im Moment, ein Suchspiel.

Das ist ja das Problem auch bei den Fed-Cup-Übertragungen – oder?

Günthardt: Ganz sicher. Ich verstehe dann auch nicht die Erwartungshaltung des Senders. Er schickt das Produkt am ersten Tag eines Matches plötzlich ins Hauptprogramm – wo es keiner so richtig erwartet. Und am Tag der Entscheidung ist es wieder in einem Randsender. Ein anderes Match wird gar nicht mehr im TV gesendet. Da fehlt mir die Nachhaltigkeit, auch die Hartnäckigkeit, dran zu bleiben an den Übertragungen. Da darfst du dich nicht über die Quoten wundern.

Was hat eigentlichAngelique KerbersSieg für das Turnier bewirkt?

Günthardt: Du spürst natürlich, dass es einen zusätzlichen Schub gegeben hat. Wir waren schon vor dem Turnier an den meisten Tagen nahezu ausverkauft. Das gab’s früher nur an dem Finalwochenende. Grundsätzlich gilt für uns aber: Der Event muss größer sein als jede Spielerin, schließlich ist das Tennis ja immer konjunkturellen sportlichen Schwankungen unterworfen. Wir hatten jahrelang gar keine deutsche Spielerin, die in der Endphase dabei war. Da galt dann: Das müssen wir auf hohem Niveau überstehen, bis eine deutsche Spielerin kommt, die zum Favoritenkreis zählt. Seit 2011,dem Sieg von Julia Görges,gab es immer das starke deutsche Element im Turnier. Aber nun, mit Angie Kerber, ist das noch mal eine andere Hausnummer. Mit einer Grand-Slam-Siegerin, die aber schon seit Jahren eine Hauptrolle in Stuttgart spielt.

Umgekehrt war WeltstarMaria Sharapovain den letzten Jahren sehr stark präsent, auch wegen der Botschafterrolle für den Hauptsponsor. Wie reagierten Sie nach Sharapovas Beichte?

Günthardt: Es war natürlich ein Schock, eine furchtbare Nachricht fürs Tennis und den Sport. Das ist ein sehr negativer Moment gewesen, um es mal milde auszudrücken. Ich muss allerdings auch sagen, dass das ganze Handling dieser Angelegenheit durch die WADA mehr als kritikwürdig ist. Es war für Porsche und das Turnier sozusagen ein doppelter Schlag, so kurz vor dem Start in die Grand-Prix-Woche. Natürlich hat es dem Turnier geholfen, welche positiven Schlagzeilen Angie Kerber auf sich gezogen hat. Vorher, auch jetzt in der Woche. Sie steht schon wieder in der Endphase auf dem Platz. Und sie macht in ihrer Rolle als Frontfrau auch eine tolle Figur.

Ganz anders als im deutschen Herrentennis rücken bei den Frauen immer wieder neue Gesichter nach – in dieser Saison Annika Beck, Anna-Lena Friedsam oder zuletzt nun auch markant Laura Siegemund. Wie wichtig ist das fürs Turnier?

Günthardt: Das ist von enormer Bedeutung. Du hast einfach das Gefühl: Da kommt immer wieder ein frisches Talent, da kommen tolle Ergebnisse. Das macht wirklich die Stärke des deutschen Frauentennis aus, da ist sehr, sehr gute Aufbauarbeit geleistet worden. Das ist ein Segen für uns.

Das Gespräch führte Jörg Allmeroth.

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