"Zahlungen nicht zielführend“ - WTA-Coach Tim Sommer kritisiert Hilfsgeld-Kriterien

Tim Sommer, Coach und Ehemann der Luxemburgerin Mandy Minella, ist mit der Verteilung der Corona-Hilfe unzufrieden. Er wirft der WTA vor, nur politisch gut dastehen zu wollen - und die eigenen Nachwuchsspielerinnen zu vernachlässigen.

von Florian Goosmann
zuletzt bearbeitet: 31.05.2020, 22:08 Uhr

Tim Sommer
Tim Sommer

Herr Sommer, die WTA hat einen Corona-Plan mit Hilfsgeldern für ihre Spielerinnen beschlossen. Aus Ihrer Sicht hat man jedoch falsche Kriterien angewendet. Nehmen Sie uns doch mal kurz mit.

Als die Idee eines Hilfsfonds von Novak Djokovic aufkam, hat die ITF das Feedback zu möglichen Bedingungen bei einigen Spielerinnen und Spielern gesucht. Ich bin zwar bis heute der Meinung, dass diese Form der Unterstützung niemandem wirklich hilft, sondern es sinnvoller gewesen wäre, das Budget zur Sicherstellung einer Challenger- und Future-Turnierlandschaft zu nutzen, wenn die WTA- und ATP Tour wieder startet. Aber ich fand es letztlich wichtig, sinnvolle Kriterien zu finden, wie die Geldverteilung stattfinden soll, wenn das der gewünschte Weg ist. Nach einem Gespräch mit zwei Kolleginnen meiner Frau habe ich eine interaktive Datenbank erstellt, die wir gemeinsam gefüllt haben. Man konnte nach den Kriterien „Alter“, „Anzahl der Turniere in den letzten 12 Monaten“, „Karrierepreisgeld“ und „Anzahl der Jahre auf der Tour“ filtern. Die Datenbank beinhaltete die Top 500 im Einzel und Top 250 im Doppel./

Djokovic hatte ursprünglich eine Gruppe von Spielern zwischen Platz 250 und 750 für die Hilfsgelder vorgeschlagen.

Meiner Auffassung nach wären hier zu viele Leute enthalten gewesen, die wegen Dopings gesperrt oder verletzt waren und deswegen abgerutscht sind, darunter Grand-Slam-Finalistinnen, die einige Millionen auf dem Konto haben. Außerdem hätte man junge, aufstrebende Spielerinnen innerhalb der Top 250 ausgelassen, die sich gerade durch kleinere Events hochgespielt haben, deshalb aber kein Geld auf der hohen Kante haben. Es wäre nicht korrekt gewesen, völlig willenlos alle zu unterstützen. Daher haben wir der WTA unsere Datenbank zur Verfügung gestellt unter dem Ansatz, dass man damit vielleicht eine gute Entscheidung treffen kann.

Was ist dann geschehen?

Dann gingen ein paar Wochen ins Land und plötzlich kam eine Mail der WTA, dass Meetings stattfänden und man die Sache besprechen würde. Unter der Prämisse „Wir sind die WTA und wollen die WTA-Mitglieder unterstützen“ wurde nach Art der Mitgliedschaft unterteilt. Zum Verständnis: Bei der WTA gibt es „Full Members“, „Associate Members“ und „Non Members“. „Full Members“ sind Spielerinnen, die das Vorjahr in den Top 150 im Einzel oder Top 50 im Doppel abgeschlossen haben. Hier zahlt man 1.500 US-Dollar Mitgliedsbeitrag und kann zum Beispiel auch in die Rentenkasse einzahlen. „Associate Members“ können alle werden, hier kriegt man zum Beispiel eine Behandlung durch Physiotherapeuten auf Turnieren ermöglicht. Na ja, diese Auswahl fand ich schon recht verwunderlich. Warum sollte man den „Full Members“ überhaupt helfen? Die haben schließlich gut verdient. Und dann wurden die Einnahme-Kriterien offengelegt.

Diese sehen an der Untergrenze vor, dass man mindestens sechs Turniere in den vergangenen zwölf Monaten gespielt und 20.000 US-Dollar verdient haben musste. Ans obere Ende wurde eine Begrenzung von 350.000 US-Dollar in den letzten zwölf Monaten gesetzt, 1,4 Millionen in den letzten vier Jahren, und im Laufe der Karriere maximal 3,5 Millionen. Eine Spielerin muss unter allen drei Limits liegen, um Gelder zu erhalten.

Mit den sechs Turnieren und den 20.000 US-Dollar wollte man wohl ein gewisses Niveau der Spielerinnen rechtfertigen. Man wollte sagen: Wenn du nicht in der Lage bist, mit deinem Sport 20.000 US-Dollar zu verdienen, ist dein Level nicht hoch genug, um dich als Profi zu qualifizieren. Okay. Aber dann kam der Zahltag. Nun ist es so, dass die „Full Members“ 10.400 US-Dollar erhalten können, die „Associate Members“ 5.600 US-Dollar, der Rest etwas um die 2.600 US-Dollar. „Full Members“, die gut verdient haben, sollen also auch am meisten Unterstützung bekommen. Und andere kriegen gerade mal ein Viertel davon. Damit ist einfach niemandem geholfen. Mich stört aber noch etwas.

Was?

Diese Maximal-Grenze von 350.000 US-Dollar Verdienst in den letzten zwölf Monaten. Man bestraft damit vor allem aufstrebende Spielerinnen die gerade einmal eine erfolgreiche Saison gespielt haben. Eine Cathy McNally, eine Astra Sharma oder eine Priscilla Hon haben noch keine 700.000 US-Dollar in ihrer Karriere verdient und bekommen nun keine Unterstützung, weil sie in den letzten zwölf Monaten minimal über der 350.000 US-Dollar-Grenze lagen. Aber andere Spielerinnen, die knapp unter 3,5 Millionen Karrierepreisgeld verdient haben, bekommen Hilfe. Und das kann es nicht sein. Ich habe die WTA angeschrieben und sie darauf aufmerksam gemacht, aber die haben das recht erfolgreich ignoriert. Dabei hätte man einfach nur das Karrierepreisgeld als Kriterium wählen können, oder das durchschnittliche Karrierepreisgeld pro Tourjahr. Man hätte so mit den Zahlen spielen können, dass man die Spielerinnen unterstützt, die eben noch nicht dieses finanzielle Polster haben. Aber es wirkt fast, als wäre das wichtigste Anliegen gewesen, die 10.000 US-Dollar-Marke zu sprengen.

Wieso denken Sie das?

Weil es medial wohl besser rüberkommt. Inzwischen wurde das finale Meeting durchgeführt und alles belassen, wie es war. Jetzt sind sie dabei, das auszuzahlen. Ich hatte noch gebeten: Baut doch eine Ausnahmeregelung ein, für Spielerinnen unter 23 zum Beispiel, um zumindest die aufstrebenden Talente mitzunehmen – wenn es schon zu viel gefragt ist, alle Spielerinnen fair zu behandeln. Das hat die WTA nicht wirklich interessiert. Daher will ich das öffentlich ansprechen. Ich finde es nicht gut, wie man sich rühmt, was man tut – und die Leute, denen man helfen sollte, links liegen lässt.

Sie kritisieren nun in erster Linie die WTA, aber die Entscheidung wurde doch auch von den Spielerinnen getroffen, oder?

Die wurde im Player‘s Board getroffen, ja. Da werden dann Zahlen rumgeworfen, aber die Top-20-Spielerinnen können das nicht einordnen. Die denken: Okay, das klingt ganz gut. Aber wer nun konkret Geld bekommt und wer nicht, das weiß niemand. Ich habe der WTA zum letzten Meeting erneut ein sehr anschauliches PDF rübergeschickt und gesagt: Zeigt das mal im Meeting rum, vielleicht wollen die Spielerinnen dann noch mal drüber nachdenken. Aber das wurde dann auch nicht rausgegeben. Das ist allerdings nichts Neues, ich ärgere mich mit der WTA schon seit 15 Jahren herum. Man will dort keine Schwäche zeigen und politisch gut dastehen.

Hat die WTA auf Ihre Kritik in irgendeiner Form reagiert?

Da kommen diese politisch korrekten Antworten. „Man kann‘s ja nicht jedem recht machen.“ Das war in diesem Fall absoluter Quatsch. Wenn man einer 32-Jährigen mit 3,3 Millionen Preisgeld und enormen Werbeverträgen 10.000 US-Dollar überweist und einer 18-Jährigen mit 483.000 US-Dollar gar nichts, sollte man erkennen, dass die gewählten Kriterien nicht zielführend sind. Bei einer Spielerin, die ein paar Jahre verletzt war oder einfach jung ist und gerade ihr Kick-off-Jahr hatte, nur die Bilanz der letzten zwölf Monate zu betrachten, ist aus meiner Sicht einfach nicht clever.

Die Diskussion um die Hilfgelder, auch um freiwillige Zahlungen, haben in den vergangenen Woche ja mehrfach für Schlagzeilen gesorgt. Auch weil Dominic Thiem sich dahingehend geäußert hatte, dass er selbst entscheiden wolle, wem er etwas zahlt.

Den Gedanken, dass jemand mit Tennis aus finanziellen Gründen in der Krise aufhört, fand ich von Anfang an sehr schwierig. Es ist wohl der Tatsache geschuldet, dass ein Novak Djokovic zu weit davon weg ist, die Situation dieser Spieler zu kennen. Fakt ist, dass ein Spieler außerhalb der Top 300 in fast jeder Woche Geld verliert. Ohne Sponsoren, Eltern und Ligaspiele schreibt in diesem Bereich jeder tiefrote Zahlen. In Corona-Zeiten sind viele dieser Spieler wieder im Elternhaus und können nicht reisen. Finanziell werden sie jetzt eine bessere Bilanz haben als in den vergangenen Jahren. Daher ist nach meiner Auffassung einiges falsch kommuniziert worden. Ich finde es richtig und wichtig, dass sich die Topspieler für ihre Kollegen einsetzen, bin da aber doch mehr auf der Seite von Dominic Thiem und John Millman: Man muss überlegen, wen und wie man unterstützt, man muss die Preisgeldstruktur und den Turnierkalender hinterfragen. Und darauf schauen, dass die zweite Reihe eine Turnierlandschaft hat, wenn die Tour wieder ins Rollen kommt. Die Zahlungen, die aktuell geleistet werden, erreichen meist die Falschen und sind absolut nicht zielführend.

Überrascht es Sie, dass die WTA vorgeprescht ist und das nicht zeitgleich mit der ATP verkündet hat? Schließlich wird aktuell über einen Zusammenschluss gesprochen.

Bei der WTA haben sie inzwischen eine gute PR- und Marketing-Abteilung, aber die Führungsriege neben Steve Simon… Viele davon waren Stuhlschiedsrichter und später Supervisor, sind früh in die Organisation reingerutscht und haben sich etabliert. Sie sind dort aber meiner Meinung nach fachlich nicht gut aufgehoben. Viele sind nicht kritikfähig, schnell in der Defensive und haben Angst davor, Schwäche zu zeigen, wenn sie einen praktischen Verbesserungsvorschlag annehmen würden. Das größte Problem: Sie haben keine Ahnung von ihren Mitgliedern, verstehen den Alltag eines Spielers oder Trainers nicht, da sie fast alle nie einer waren. Wenn man als Geschäftsleitung sein Produkt nicht versteht und die Situation der Angestellten nicht kennt, macht man nach meiner Auffassung einen schlechten Job. Aber die WTA hat das clever gemacht: 2005 waren noch Coaches bei den Meetings erlaubt, da wurde häufiger kritisch nachgefragt. Dann wurden sie rausgekickt und man berät nun in Kleingruppen, mit rund 20 Spielerinnen auf einmal. Wenn eine Spielerin da aufsteht und etwas sagt, wird sie geschickt abgedreht. Und die anderen 19 sind eh meist mit den Gedanken woanders. Viele Spielerinnen sind leider oft sehr desinteressiert, was da passiert. Das läuft bei den männlichen Kollegen der ATP besser. Die Damen würden bis heute bei den Grand Slams nach wie vor nicht dasselbe Preisgeld verdienen. Das hat letztlich die ATP vorangetrieben.

Ein Zusammenschluss zwischen ATP und WTA wäre somit für die Spielerinnen ein Vorteil?

Nach meiner Auffassung absolut. Die ATP ist die Organisation, die schon viel länger besteht, viel mehr Erfahrung hat. Wenn man sich zum Beispiel das Regelbuch der WTA anschaut – wieso sagt man da nicht: Wir lernen von der ATP, von den Fehlern, die dort gemacht und ausgebessert wurden. Nein, es gibt ein eigenes Regelbuch, überall Sonderregelungen und man macht dieselben Fehler mit fünf Jahren Verzögerung. Man könnte voneinander profitieren. Aber die WTA wird Angst haben, Kontrolle zu verlieren. Und die ATP fährt ohne die WTA ohnehin besser.

Abschließend: Glauben Sie, dass sich künftig noch etwas tut in Sachen Hilfsgelder?

Ich hoffe, dass der WTA noch ein Licht aufgeht. Und alle weiteren möglichen finanziellen Mittel in die Sicherstellung der Turnierlandschaft für Spielerinnen ab Platz 200 investiert wird. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Das Gespräch führte Florian Goosmann.

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28.05.2020, 08:17 Uhr
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