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7 erstaunliche Wege, um sich nie wieder über einen vermeidbaren Fehler zu ärgern

Den Sieg vor Augen und dennoch noch verloren? Tennis-Insider Marco Kühn hat Tipps, wie Ihr das vermeiden könnt.

von Marco Kühn
zuletzt bearbeitet: 23.09.2026, 12:05 Uhr

Roger Federer hatte 2018 in Indian Wells einiges zu grübeln
© Getty Images
Roger Federer hatte 2018 in Indian Wells einiges zu grübeln

Es war im Jahr 2018. Finale in Indian Wells. Roger Federer führte im dritten Satz gegen Juan Martin del Potro mit 5:4 und 40:15. Klingt nach einem sicheren Sieg für den Großmeister aller Klassen. Wurde es aber nicht. Federer unterliefen in der entscheidenden Phase des Matches blöde Fehler. Er wurde nervös. Er ärgerte sich. Fedex verlor den Bezug zum Match und gab dieses noch mit 2:7 im Tiebreak vom Racket.

Autsch!

Im Anschluss sagte er im Interview: “Ich bin frustriert. Man kann sich über Fehler ärgern. Die Frage lautet nur: ‘Wie lange darfst du dich ärgern? Natürlich nicht zu lange …”.

Dieses Match zeigte uns eindeutig: Ein, zwei blöde Fehler können dich ein ganzes Match kosten. Ein Match, das du bis dahin mühelos dominiert hast. Ärgerliche Fehler können dich so sehr frustrieren, dass du Konzentration und Kondition verlierst. Es entsteht ein Negativkreislauf, der dich ganze Service-Games in Serie kosten kann.

Grund genug zu überlegen, was du nach ärgerlichen Fehlern tun kannst. Lass uns in den nächsten Zeilen sieben unterschiedliche mentale Tools durchgehen, die du im Match anwenden kannst.

Wir klopfen uns die Asche von den Grätensohlen und starten durch.

1) Mach den Connors 

Diese Taktik studierte ich bei Jimmy Connors. Man kann unglaublich viel von ihm über Emotionen auf dem Court lernen. Er war ein Ekel auf dem Court. Er war laut. Aber er schaffte es, sich immer wieder zu refokussieren. Connors war ein Paradebeispiel dafür Emotionen nicht auszublenden, sondern diese zu leben. Mit allem, was dazu gehört. Allein darin liegt eine Lehre für dein mentales Spiel.

Aber wie “machst du den Connors” im Match? Welche Taktik kannst du dir von ihm abschauen, wenn dir Fehler unterlaufen?

Fluche einmal laut. Verteufle dich. Mach dich einmal richtig fertig. 

Dann marschierst du zum nächsten Punkt und sagst dir auf diesem Weg: “Okay, der Frust ist raus. Der nächste Punkt gehört mir!”.

Der Clou an dieser Geschichte? Einmal. Einmal hast du den Freifahrtschein zu fluchen. Aber danach geht es weiter. Der blöde Fehler wird abgehakt und du gehst zum nächsten Punkt.

2) Die drei Fragezeichen 

Ich hörte sie früher als Kind auf meinem Walkman. Das war noch zu Zeiten, als man von Hand spulen musste. Vor der CD und weit vor Spotify. 

“Die drei Fragezeichen” sind das Detektivteam bestehend aus Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews. Ihr cooles Motto lautet: “Wir übernehmen jeden Fall!”.

Was uns direkt zur Grundlinie führt. Ein blöder Fehler ist auch ein Fall, den es für dich zu lösen gilt. Du willst schnell den Täter entlarven, der zu diesem Fehler führte. Damit du im nächsten Ballwechsel nicht wieder denselben Fehler machst. Wie ermittelst du schnell Tatverdächtige in diesem Fall?

Es sind drei Fragen, die fast immer den vermeidbaren Fehler überführen. Diese drei Fragen lauten wie folgt:

1) Hast du den Ball zu eng am Körper getroffen?

2) Warst du zu spät am Ball?

3) Hast du deine Vorhand oder Rückhand in Rücklage getroffen?

Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass du den Täter unter diesen drei Tatverdächtigen finden wirst. Nutze die drei Fragezeichen, um einen blöden Fehler sofort zu korrigieren und zum nächsten Punkt zu marschieren. 

Nach den drei Fragezeichen kümmern wir uns um dein persönliches Highlight-Reel. Lies gerne weiter, wenn du mehr darüber erfahren willst.



3) Das Highlight Reel

Öffne die YouTube-App und sie erschlagen dich.

Die sogenannten “Shorts” sind keine Badehosen, sondern kurze Videos mit knackigen Highlights. Ich bin nicht der größte Fan dieser Kurzvideos, die die Aufmerksamkeitsspanne der Menschheit noch weiter verkürzen. Dafür sind sie aber eine coole mentale Technik, um einen blöden Fehler zu “überspielen”.

Wie diese Technik funktioniert? Ganz einfach: Nehmen wir an, du hast eine Vorhand aus dem Halbfeld zwischen T- und Grundlinie drei Zentimeter die Linie entlang ins Aus gesetzt. 

Bleib an genau dieser Stelle stehen und gehe im Kopf denselben Schlag gedanklich erneut durch. Drehe dabei aber ein Highlight-Reel genau dieser Vorhand mit dem entscheidenden Unterschied: In deinem gedanklichen Highlight-Reel schlägst du einen unfassbaren Winner im Alcaraz-Style. 

Du überspielst gedanklich den Fehler und gehst mit einem gefühlten Winner in den nächsten Ballwechsel. Wir sehen diese “Technik” manchmal bei den Profis, wenn sie den Schlag nochmal als Trockenübung durchgehen. 

Diese “Highlight-Reel”-Technik mag dir speziell vorkommen. Sie kann dein mentales Spiel aber entscheidend verbessern. 

4) Die Putzkolonne 

Kennst du das? Du kommst nach Hause und dir ist richtig danach erstmal einen kompletten Hausputz zu machen, um dich besser zu fühlen. Nein, das kennst du nicht? Gut, ich auch nicht.

Es ist aber wissenschaftlich erwiesen, dass Putzen einen positiven Effekt auf unser Gemüt hat. Und wir haben in den letzten Jahrzehnten einen Spieler erlebt, der genau diese mentale Technik erfolgreich angewandt hat. 

Rafa Nadal war für seine kleinen Routinen berühmt. Eine dieser Routinen war das Säubern der Grundlinie mit dem Fuß. Er befreite die Grundlinie vom Aschestaub, bevor er sich an der Hose zupfte. Wenn du nach einem blöden Fehler die Grundlinie säuberst, kannst dies einen symbolischen Effekt für dein mentales Spiel haben.

Mit dieser Aktion “wischst” du den letzten Fehler vom Platz und machst Raum für den nächsten Ballwechsel. Ich sehe dieses kleine Ritual häufig bei LK-Spielern auf LK-Turnieren oder auch auf der ITF-Tour. Der Blick wandert dabei nach unten, der Spieler kann sich für einen kurzen Moment aus dem Match nehmen, den Fehler gedanklich und emotional abhaken und sich auf den nächsten Punkt konzentrieren.

Eine simpel umsetzbare Technik, die sich auszuprobieren lohnt.

5) Der Tänzer 

Das Publikum stand. Die Schüssel im Arthur Ashe Stadium bebte. Niemand verstand mehr sein eigenes Wort. Manche wussten wohl auch nicht, was sie schreien sollten.

Als Ben Shelton und Carlos Alcaraz bei den diesjährigen US Open eine sensationelle Night-Session auf den Court zauberten, fiel eine Sache bei Charly auf.

Wenn er angespannt war, wenn es um die goldenen Punkte ging, wenn er sich extrem fokussieren wollte, dann schüttelte er Arme und Beine aus. Er tänzelte vor seinem Aufschlag oder Return auf der Stelle. 

Er sah teilweise aus wie ein Tänzer, der um ein Lagerfeuer herum kreist. Mit dieser Technik kannst du deine Anspannung, Nervosität und auch deinen Frust nach einem Fehler im wahrsten Sinne aus deinem Körper schütteln. Auch das Bewegen des Kopfes nach rechts und links, das Hinaufschauen Richtung Himmel, sind Möglichkeiten den Frust nach einem ärgerlichen Fehler abzuschütteln.

Dies ist die vielleicht einfachste Technik, um dich vor einem wichtigen Punkt voll zu konzentrieren. Vor allem dann, wenn du zuvor eine leichte Vorhand knapp verschlagen hast.

6) Der Puffer 

Sie war nicht nur hübsch. Sie war auch intelligent und erfolgreich.

Dazu machte sie ein Ritual berühmt, das nach ihr viel zu wenige Spielerinnen und Spieler nutzten. 

Maria Sharapova drehte sich nach einem verdammt ärgerlichen Fehler gerne mit dem Rücken zur Gegnerin. Dann vertiefte sie sich in ihre Bespannung. Ihr Blick blieb dabei stoisch auf ihren Fingern, die ihre Saiten richteten. Dabei tänzelte sie und schien in einer anderen Welt, fernab der Realität, versunken.

Mit dieser mentalen Technik errichtete Sharapova einen kleinen Puffer zwischen den Punkten. Sie hetzte sich nicht von Punkt zu Punkt. Sie ließ sich nicht von einem Fehler emotional leiten, indem sie entnervt direkt zum nächsten Punkt schritt. 

Stattdessen baute sie diese kleinen Zeitpuffer ein, um sich wieder zu sammeln. Dazu gab sie der Gegnerin in diesen Situationen kein Gesicht. Sie bot keine Angriffsfläche. 

Eine kluge Technik, um den Gegner nicht noch stärker zu machen, als er eigentlich ist.

7) Der Wanderer

Der Kopf drohte zu explodieren. Ich stand auf dem Court und sah meinem Trainer die Wut an. Die Röte in seinem Gesicht kam nicht von ungefähr. Doch noch hatte ich keinen Schimmer, was ich gerade verbrochen hatte.

Nach dem Match kam er zu mir und sagte eine Sache, die ich bis heute nicht vergessen habe. Es ging ihm nicht um das Ergebnis des Matches. Er wollte einfach, dass ich mich klüger im Spiel verhalte. 

Also sagte er zu mir: “Marco, wenn ein Ball im Feld oder auch nur in der Nähe des Feldes liegt, dann nimm diesen bitte raus. Und sowieso: Hole immer den Ball, der am weitesten entfernt von dir liegt. Das gibt dir nochmal Zeit und Ruhe, dich auf den nächsten Punkt zu konzentrieren. Tust du das nicht, nimmst du deinen Frust hektisch mit von Punkt zu Punkt!”.

Was soll ich sagen? Da war was dran. Wenn du stets den am weitesten entfernten Ball holst, um deinem Gegner diesen zum Aufschlag herüberzuspielen oder um selbst zu servieren, baust du automatisch einen kleinen Zeitpuffer zwischen deinem letzten Fehler und dem nächsten Punkt auf.

Bereits Nietzsche berichtete davon, dass ihm beim Wandern die besten Ideen gekommen sein. Das sollte doch ein Grund sein, Mini-Wanderungen zwischen den Punkten in dein mentales Spiel einzubauen.

Fazit

Picke dir eine der sieben Methoden heraus. Setze diese bewusst im nächsten Trainingsspiel um. Es kann auch in der nächsten Trainerstunde oder direkt im Match sein. Entscheidend ist, dass du schnell in die Umsetzung kommst. 

Führe dein neues Ritual 12-mal durch. Ich wünsche dir natürlich weniger leichte Fehler. Aber wir müssen davon ausgehen, dass du zwölf Möglichkeiten für dein neues Ritual erhalten wirst.

Dein Ziel sollte es sein eine Routine aus einer dieser Techniken zu kreieren. Gelingt dir dies, kannst du dein mentales Spiel auf Dauer zu deinen Gunsten spielen. Ich sage nicht, dass es leicht ist. Ich sage dir aber, dass es sich lohnt.
 

von Marco Kühn

Mittwoch
23.09.2026, 15:06 Uhr
zuletzt bearbeitet: 23.09.2026, 12:05 Uhr