Andy Murray nach Antwerpen-Sieg: „Hätte verrückt sein müssen, wenn ich daran geglaubt hätte“

Andy Murray hat mit seinem Sieg in Antwerpen die Tenniswelt überrascht - aber vor allem auch sich selbst.

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 11.11.2019, 15:10 Uhr

Andy Murray
© Getty Images
Andy Murray

Es ist der Moment, an dem das Tennisjahr gleich mit einem großen Spektakel beginnt. Bei den Australian Open startet traditionell früh die lange, auszehrende Saison im Wanderzirkus, am anderen Ende der Welt, im Melbourne Park. Für einen der Großen der Branche aber schien 2019 alles ganz anders. Denn als die Ausscheidungsspiele rund um die Rod-Laver-Arena noch gar nicht Fahrt aufgenommen hatten, ging es bei dem dreimaligen Major-Gewinner Andy Murray ums Aufhören, um das doch traurige Ende seiner großen Karriere.

Die Schmerzen in seiner Hüfte seien so stark geworden, berichtete Murray in einem Pressegespräch unter Tränen, dass ihm inzwischen nicht nur das Tennisspielen schwer falle, sondern auch der ganz normale Alltag, das Autofahren zum Beispiel. Murray sprach dann auch das R-Wort aus, ein Rücktritt in dieser Spielzeit sei wahrscheinlich, sagte er, eher früher als später. Am liebsten sei ihm, „wenn es in Wimbledon passieren würde.“ Aber ob er es bis dahin überhaupt schaffe, da zuckte Murray mit den Schultern: „Ich weiß es nicht.“

Murray: "Hätte das niemals erwartet"

Der Blick zurück auf jene Tage, auf jene Worte, auf Melbourne, wirkt ein wenig surreal. Denn Murray ist mitnichten zum Frührentner geworden, mit gerade einmal 31 Jahren. Er ist auch nicht im Niemandsland der Weltrangliste versunken, er läuft nicht verzweifelt und aussichtslos seiner eigenen Größe hinterher. Murray, Schottlands sportlicher Braveheart, ist eher ein Fall für die Nominierung zum Comeback-Artisten der Spielzeit 2019, spätestens seit diesem Sonntag. Seit seinem Sieg beim ATP-Wettbewerb in Antwerpen, wo er in einem grimmigen Drei-Satz-Finale den Schweizer Stan Wawrinka – auch er ein dreifacher Grand Slam-Gewinner – niederrang und damit erstmals seit den Dubai Open im März 2017 als Titel-Held grüßte. „Hätte ich das jemals erwartet“, fragte sich Murray selbst nach dieser ungläubig aufgenommenen Sternstunde – und gab sich die Antwort unverzüglich: „Niemals. Da hätte ich ja verrückt sein müssen.“

Natürlich erinnerte sich Murray in der Stunde seines 46. Titelerfolgs auch an das berüchtigte Video, das ihm im Januar in Melbourne gewidmet war. „Farewell Andy“ hieß der Clip, den Murray und die Zuschauer seiner Auftaktniederlage zu sehen bekommen hatten. Seine größten Gegner traten auf, Rafael Nadal, Novak Djokovic, Roger Federer. Der Schweizer Maestro war sichtlich bewegt, als er sagte: „Ich bin Dein größter Fan.“ Er habe seinerzeit auch ganz schön schlucken müssen, sagte Murray am Sonntag, „es war schon so, dass ich mich auf das Ende eingerichtet hatte. Das einzige, was zählte, war eine Welt ohne Schmerzen. Nicht eine Welt ohne Tennis.“

Murray war im Frieden mit seiner Karriere

Doch nun erlebt er das Bessere aus beiden Welten, keine Schmerzen jenseits des Tennisplatzes. Und keine Schmerzen auf dem Court, im Ernstfall, in den Duellen, die er liebte und spielte wie kaum ein zweiter seiner Generation. Langsam, aber sicher, ohne Hektik und Eile, hat sich Murray seit seiner Hüftoperation im Januar (ihm wurde ein Metallimplantat eingesetzt) wieder an die Guten, Besseren und schließlich Besten der Branche herangekämpft. Es gab Zweifel, Ängste, Sorgen. Es gab Rückschläge.

Aber es gab keinen Tag, an dem Murray wirklich den Glauben an seine Mission verlor. Er störte sich auch nicht daran, dass er in der Hackordnung der Profis zwischenzeitlich bis auf Platz 839 zurückfiel. „Das musste man erwarten. Dass es ein langer, harter Weg sein würde, war mir bewusst“, sagt Murray. Er hatte auch etwas anderes einkalkuliert, nämlich, dass es nicht mehr reichen würde für Profitennis, dass 2019 eben auch der Abschiedsmoment sein könnte. „Damit hätte ich auch leben können. Ich habe längst meinen Frieden mit dem Tennis, mit meiner Karriere gemacht“, sagt Murray, „ich hätte trotzdem zufrieden aufgehört.“ Vor allem, wenn das Leben danach eins ohne Schmerzen gewesen wäre.

Murrays langsamer Schritt zurück ins Einzel

Aber auch das Leben im Spitzentennis erwies sich unerwartet komplikationsfrei für Murray. Vor allem, weil Murray Abschied nahm von seiner früheren Verbissenheit, von seinem extremen Trainingsregime. Er ging sein Comeback zwar mit gebotener Entschlossenheit und Courage an, aber auch mit Überlegtheit. „Es gab einfach Tage, an denen ich das Training ausfallen ließ. Weil ich merkte, es hat keinen Sinn“, sagt Murray. Beim Turnier im Queens-Club war er im Juni im Doppel auf die Tour zurückgekehrt, mit einem Paukenschlag dazu: Denn an der Seite seines alten Kumpels Feliciano Lopez (Spanien) gewann er das Klassement. Beim Masters in Cincinnati spielte er erstmals wieder im Einzel, aber schnell merkte Murray, dass er sich damit übernommen hatte.

Statt bei den US Open anzutreten, spielte er ein Challenger-Turnier auf Mallorca, um sichere Spielpraxis zu bekommen. Es folgte der sogenannte „Asian Swing“, die Turniere in China und Japan, bei denen Murray weiter Schritte nach vorne machte, Selbstbewusstsein tankte. Und es folgte nun: Der Sieg in Antwerpen, der vorläufige Höhepunkt eines ungewissen Abenteuers für den Handelsreisenden in Sachen Tennis, der Sprung auf Platz 127 der Rangliste. „Es ist ganz sicher einer der ganz großen Siege meiner Karriere“, sagt Murray. Einer, der fast auf Augenhöhe mit den Wimbledon-Erfolgen, den olympischen Goldmedaillen steht.

Im Januar wird er auch wieder nach Melbourne zurückkehren, zu den Australian Open. Dort, wo im Januar eigentlich schon alles vorbei schien für ihn, für Sir Andrew Barron Murray.

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