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Australian-Open-Championesse Naomi Osaka: "Bei der Siegerehrung stand ich unter Schock"

Die 21-Jährige krönte sich in einem denkwürdigen Finale am "Australia Day" zur Melbourne-Queen - und blieb auch nach dem 7:6 (2), 5:7, 6:4 gegen Petra Kvitova (Tschechien/Nr. 8) auf dem Teppich. Der Pokal war ihr wichtiger als der Sprung auf Platz eins des WTA-Rankings.

von Ulrike Weinrich aus Melbourne
zuletzt bearbeitet: 26.01.2019, 17:29 Uhr

Naomi Osaka ist die strahlende Siegerin der Australian Open
© getty pictures
Naomi Osaka ist die strahlende Siegerin der Australian Open

Als Osaka nach ihrem "Doppelpack" mit der Daphne Akhurst Trophy über das Gelände im Melbourne Park lief, huschte nur ganz selten ein Lächeln über das Gesicht der 21-Jährigen.

Es hatte den Anschein, als ob die japanische Volksheldin und angehende Nummer eins der Welt ihr Glück noch gar nicht fassen konnte. Das Glück, sich endlich als "wahre" Grand-Slam-Siegerin zu fühlen. Im Gegensatz zu den Stunden und Tagen nach ihrem ersten Major-Streich im September 2018, als ihr Serena Williams mit ihrem Ausraster-Skandal im Big Apple die Premiere-Party auf der größten aller Tennis-Bühnen mächtig verdarb.

Doch die große Freude, die mochte sich nach dem hart erkämpften Endspiel-Triumph von Osaka beim "Happy Slam" nicht so recht einstellen. "Bei der Siegerehrung stand ich unter Schock", sagte die 21-Jährige im TV-Studio des Senders "Nine Network" und meinte über den Grund ihrer eher ernsten Miene: "Ich lache ja eigentlich immer. Aber es braucht eben ein bisschen Zeit, bis sich das alles setzt."

"Ich habe versucht, mir zu sagen, dass ich bei den Matchbällen nichts machen konnte. Aber man hat immer Zweifel, dass das gar nicht stimmt"

Osaka, die als erster asiatischer Tennisprofi an die Spitze der Weltrangliste stürmte, schien noch mitgenommen von ihrer ganz besonderen, aber letztlich grandios gemeisterten Reifeprüfung in der Rod Laver Arena, die bei einem ungünstigen Verlauf auch in einem Meer aus Tränen hätte enden können.   

Drei Matchbälle hatte Osaka beim Stand von 5:3 und Aufschlag Kvitova im zweiten Satz nicht nutzen können - hintereinander! Danach verlor sie weitere vier Punkte in Folge - und gab wenig später ihr Servicegame zum 5:7 sogar zu Null ab.

Osaka gibt zu: Da waren auch Zweifel

Danach zog sich die New-York-Siegerin ein Handtuch über den Kopf und flüchtete für ein paar Minuten in die Katakomben der Arena. "Ich war sehr enttäuscht und traurig", verriet Osaka später über ihren Gemütszustand: "Ich habe versucht, mir zu sagen, dass ich bei den Matchbällen nichts machen konnte. Aber man hat immer Zweifel, dass das gar nicht stimmt."

Doch die Tochter einer Japanerin und eines New Yorkers mit Wurzeln in Haiti, ausgestattet mit einem trockenen Humor, bewies an einem australischen Sommerabend ihre enorme Reife. Oder sollte man sagen: Sie dokumentierte eindrucksvoll, dass sie aus einem Stoff ist, aus dem besondere Champions gemacht sind.

Sie sei, "definitiv eine Große", lobte die niedergeschlagene Kvitova die ab Montag neue Nummer eins des WTA-Rankings, in dem Wimbledonsiegerin Angelique Kerber von Platz zwei auf sechs abrutschen wird. Übrigens: Die frischgebackene Aussie-Open-Gewinnerin stand vor exakt einem Jahr noch auf Position 72 der Bestenliste.

Osaka jedenfalls steckte den Rückschlag des zweiten Durchgangs weg und fand im Entscheidungssatz zu alter Stärke zurück. Furchtlos stellte sie sich der psychisch äußerst anspruchsvollen Situation - und wurde belohnt.

Stimmen vom Daddy im Kopf? "Dann wäre ich echt genervt!"

Ob ihr dabei die guten Ratschläge ihres Vaters Leonard Max Francois durch den Kopf geschwirrt seien, wollte Jim Courier nachher im TV-Gespräch wissen. Keine dumme Frage eigentlich, denn Osaka hatten ihren Dad zuvor als "weisen Mann" beschrieben, mit dem sie sehr viel spreche. 

"Aber wenn ich seine Stimme während des Matches hören würde, dann wäre ich echt genervt!", antwortete die 21-Jährige. Und da war sie wieder, diese schlagfertige Naomi, die als erste Spielerin seit Jennifer Capriati (USA) 2001 ihrem ersten Major-Triumph unmittelbar den zweiten folgen ließ.

Ein Dank ging auch an ihren Coach, den Münchner Sascha Bajin ("Naomi ist immer noch dasselbe Mädchen wie vor einem Jahr"). "Er hat mir gesagt, dass ich konstanter spielen muss", berichtete Osaka, die vor allen Dingen auch die positive Art des 34-Jährigen schätzt: "Ich habe ein Team, das mich pusht." 

Wie sie ihr Preisgeld (2,59 Millionen Euro) anlegen will, weiß Osaka noch nicht: "Für mich kaufe ich selten etwas, ich beschenke lieber andere."

Ein Wechselbad der Gefühle erlebte auch Kvitova, die nach einer Messerattacke eines Einbrechers im Dezember 2016 und schweren Stichverletzungen an ihrer Schlaghand um die Fortsetzung ihrer Karriere bangte.

"Wir wussten noch nicht mal, ob ich irgendwann wieder ein Racket halten kann. Und jetzt halte ich wieder ein Racket", sagte die zweimalige Wimbledonsiegerin, bei der sich zu Dankbarkeit über ihr Comeback auch "Enttäuschung" über die vergebenen Chancen im Finale mischte: "Die Niederlage schmerzt."     

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