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"Djokovic darfst du nie abschreiben" - Erneuter Entfesselungsakt im Paris-Finale

Novak Djokovic hat am Sonntagabend seinen 19. Grand-Slam-Titel gewonnen - und zu seinen großen Rivalen Roger Federer und Rafael Nadal weiter aufgeschlossen.

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 13.06.2021, 23:37 Uhr

Novak Djokovic
© Getty Images
Novak Djokovic

Stefanos Tsitsipas hatte den Aufstieg zum Tennis-Olymp fast schon geschafft, seine Heldenrolle für den ersten griechischen Grand Slam-Champion war nahezu in den Sand von Paris festgeschrieben. Aber nach der allerletzten Zermürbungsschlacht der dramatischen French Open 2021 gab es keinen völlig neuen Roland-Garros-König, keinen jungen, strahlenden Siegertypen.

Es gewann im finalen Marathon die Nummer 1, der Capitano der Branche – Novak Djokovic, einer aus der Riege der ehrenwerten Gentlemen im schon sehr reifen Profialter. Die Älteren Herren lassen partout nicht locker, Djokovics Houdini-Entfesselungsaktion von einem frustrierenden 0:2-Satzrückstand zum heftig bejubelten 6:7 (6:8), 2:6, 6:3, 6:2, 6:4-Triumph war der schlagende Beweis für die Standfestigkeit der Großen Drei-Fraktion (Federer/Nadal/Djokovic), die nun 55 der letzten 64 Grand-Slam-Titel einstrich.

Becker: "Djokovic darfst du nie abschreiben"

„Ich bin völlig erschöpft, aber unendlich glücklich. Es ist ein Moment, den man lange festhalten möchte“, sagte der 34-jährige Serbe, der nach 242 aufreibenden, packenden, bewegten Minuten die Hände in den Himmel reckte und mit dem Matchcomeback zum zweiten Mal in seiner Karriere erfolgreich im Grand-Slam-Reich des spanischen Matadors Rafael Nadal gewildert hatte. Ihn, den dreizehnmaligen Gewinner, hatte er am Freitag in einem Spektakel für die Ewigkeit niedergerungen. Und nun hatte der unverzagte „Djoker“ mit Tsitsipas auch noch einen in die Spitze aufrückenden Spieler geschlagen, dem für die Zukunft eine Führungsposition im Welttennis zugetraut wird. Schwacher Trost für den geschlagenen Hellenen: Er wird in der am Montag veröffentlichten aktuellen Weltrangliste mit dem Sprung auf Platz 4 ein neues Karrierehoch erklimmen.

Aber viel lieber wäre Tsitsipas natürlich der erste Grand-Slam-Titel gewesen, der erste Sieg gegen einen Nummer 1- oder Nummer 2-Spieler in seiner laufbahn. Der Bezwinger von Alexander Zverev im Halbfinale schien lange auf dem besten Weg, eine veritable Sensation von seinem Racket zu zaubern und den favorisierten Djokovic zu brüskieren. Doch Tsitsipas´ Atem, seine Kreativität, seine Improvisationskunst und massive physische Präsenz reichten erst einmal nur zwei bravouröse Sätze lang – zwei Sätze, in denen er alle möglichen und unmöglichen Winner in die gegnerische Hälfte knallte und das Publikum von den Sätzen riss. Auch in den zermürbenden Grundlinienduellen mit Djokovic, dem Meister der Geschmeidigkeit und Ausdauer, war der 22-jährige oft Herr des Geschehens. „Herausragend“ sei die Vorstellung des Griechen, befand da TV-Experte Boris Becker, „aber es ist ein Match über drei Gewinnsätze. Und eins ist klar: Djokovic darfst du nie abschreiben.“

Djokovic bricht Tsitsipas' Moral und Physis

Becker musste es wissen: Er war Djokovics Trainer, als der zum ersten Mal 2016 der Gewinner der Offenen Französischen Meisterschaften war und die herausforderndste Strapaze im Tenniskosmos triumphal bewältigt hatte. Ab dem dritten Satz war Djokovic ganz plötzlich Djokovic selbst, diese fast irreale Figur, die aus den verrücktesten Winkeln die verrücktesten Bälle schlagen kann. Der Spieler, der mit irritierender Selbstverständlichkeit die umkämpften Ballwechsel für sich entscheidet, dabei keinen Zentimeter Boden preisgibt und auf alle Prüfungen eine Antwort weiß.

Dauerte der erste Satz allein noch 70 Minuten bis zur Führung von Tsitsipas, drehte Djokovic sein 0:2-Satzdefizit binnen 88 Minuten zum 2:2-Ausgleich um. Tsitsipas gingen nicht nur serienweise die Spiele, sondern auch ein wenig die Moral verloren. Zudem musste der Grieche zu Beginn des vierten Satzes auch noch eine längere Behandlungspause wegen Rückenproblemen nehmen. Aber auch ließ sich nicht einfach so wegdrücken, der zähe Endspieldebütant. Tsitsipas kämpfte noch einmal verbissen, mobilisierte letzte Kräfte, genug war es dennoch nicht gegen den wohl fittesten Spieler der Tour. Das Break zum 2:1 für Djokovic leitete im letzten Satz schließlich das Ende ein.

Djokovic auf dem Weg zum Grand Slam?

Djokovic ist seinem Ziel, die beiden größten Rivalen seiner Karriere, Rafael Nadal und Roger Federer, in den nackten Zahlen und Fakten zu überrunden, ein weiteres Stückchen näher gekommen. Mit dem French-Open-Sieg weist er nun  19 Grand-Slam-Titel im Portfolio auf, liegt nur noch einen Sieg hinter Nadal und Federer mit jeweils 20 Siegen. Einen Bestwert in der modernen Tennisära hat der 34-jährige nun aber schon exklusiv für sich – er hat als einziger Spieler jedes der vier Grand-Slam-Turniere mindestens zwei Mal gewonnen.

Einen noch größeren Coup könnte Djokovic aber im weiteren Saisonverlauf landen – mit dem Gewinn des echten Grand Slam, aller vier Majors in einem Tennisjahr. Nichts scheint unmöglich, nicht einmal dieses Ziel, an dem die Größten der vergangenen Jahrzehnte allesamt scheiterten. Auch Björn Borg und Jim Courier, die Djokovic in der Abendsonne von Paris den Musketier-Pokal überreichten.

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