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Dominic Thiem gegen Jo-Wilfried Tsonga: Revanche für die wichtigste Niederlage seiner Karriere

Jo-Wilfried Tsonga hat am Samstag ausgerechnet sich selbst als Erstrundengegner von Dominic Thiem ausgelost. Die beiden treffen in der Wiener Stadthalle aufeinander, wie schon im Jahr 2013. Damals setzte es für Thiem nichts weniger als die wichtigste Niederlage seiner Karriere.

von Lukas Zahrer
zuletzt bearbeitet: 21.10.2019, 15:58 Uhr

„Dass aus mir wirklich ein guter Tennisspieler werden kann, einer, der es ganz nach vorne schaffen kann, das weiß ich seit dem 18. Oktober 2013.“

An jenem Tag bestritt Thiem sein zweites Viertelfinale bei einem ATP-Turnier. Er stand in der Weltrangliste gerade einmal in den Top-150, sein Gegner zählte zu den zehn besten Spielern der Welt.

Das Wiener Stadthallenturnier war eines der 250er-Kategorie. Anders als heute fand nicht gleichzeitig mit jenem Event in Basel, sondern eine Woche früher im Oktober statt. Tennisfans kannten Thiem zwar als vielversprechendes Talent, dem Großteil Österreichs dürfte der Name zu dieser Zeit nicht geläufig gewesen sein.

Dennoch schaffte der gerade einmal 20-Jährige etwas, das Jahre zuvor kaum möglich schien: Er bewegte die Massen. Es kamen so viele Zuschauer in die Wiener Stadthalle, dass diese einen zusätzlichen Rang öffnen musste, der die Jahre zuvor aus Kostengründen geschlossen blieb. Rund 7000 Menschen wollten das Match von Österreichs Tennis-Youngster sehen.

Und diese 7000 Zuseher bekamen ein Spektakel geliefert.

„Die Fans freuten sich damals, jemanden aus der neuen Generation gefunden zu haben, mit dem sie mitfiebern können“, sagt Tsonga im Vorfeld der Erste Bank Open 2019 im Gespräch mit tennisnet über jenes Match. „Sie wussten: Jetzt hat Österreich eine neue Ikone.“

Dominic Thiem vs. Jo-Wilfried Tsonga: Als die Stadthalle bebte

Schon im ersten Satz witterte Wien eine Sensation, als Thiem sich bei 3:2 aus seiner Sicht drei Breakbälle erspielte. Doch Tsonga drehte ein 0:40 kompromisslos mit fünf Punkten in Folge zum Gamegewinn. Wenig später zeigte sich der Franzose eiskalt: Mit seiner ersten Breakchance holte er sich das Break zum 5:4 und servierte anschließend erfolgreich zum Satz aus.

Der zweite Satz glich dem ersten: Wieder lag Thiem 3:2 vorne, wieder gab es Breakchancen für den Niederösterreicher, diesmal sogar vier Stück. Wieder war es Tsonga, der sich das Game holte. Doch Thiem blieb unbeeindruckt: Er erarbeitete sich im nächsten Returnspiel wieder ein 0:40, diesmal nahm er seinem Gegner den Aufschlag zu Null ab und stellte wenig später auf 6:3. Die Stadthalle bebte.

Ein entscheidender dritter Satz musste her. Während Tsonga seine Aufschlagspiele souverän durchbrachte, zeigte auch Thiem, was in ihm steckt. Aufschläge bis zu 230 km/h schnell, aggressive Grundlinienschläge - immer öfter brachte er seinen Gegner in Bedrängnis.

Die Zuschauer mussten sich in der Zwischenzeit etwas Neues einfallen lassen: Bereits im zweiten Satz klatschten sie, bis die Hände kribbelten. Um mit dem Level auf dem Platz mitzuhalten, begannen sie im Entscheidungssatz zusätzlich zu stampfen.

Tsonga über Thiem-Match: „Es war unglaublich eng“

Tsonga führte dort mit 5:4, als es brenzlig wurde: Thiem musste einen Matchball abwehren.

Gesagt. Getan. Gestampft.

Das Match spitzte sich zu, es musste ein Tiebreak her. Thiem gab seine ersten beiden Aufschläge ab und sollte sich von einem schnellen 0:3 nicht mehr erholen. Tsonga zog ins Halbfinale ein. In sympathischer Manier und fast schon entschuldigend bedankte er sich beim Wiener Publikum für die großartige Stimmung.

„Es war unglaublich eng“, sagt Tsonga sechs Jahre später. „Was mich überraschte, war sein Niveau trotz seines jungen Alters. Heute verstehe ich es besser, denn er spielte damals so, wie er es jetzt schon seit vielen Monaten zeigt. Er wird für viele Jahre einer der besten Spieler der Welt sein.“

Thiem verließ den Platz als Verlierer, gewann jedoch die Erkenntnis, Spieler von absolutem Top-Niveau fordern zu können. „An diesem Tag verstand ich zum ersten Mal, was für mich möglich ist. Und wie sehr Günter die vielen Jahre zuvor mit allem recht gehabt hatte“, schreibt Thiem im Vorwort des Buches vom Ex-Trainer Günter Bresnik, Die Dominic Thiem Methode.

Günter Bresnik zu Dominic Thiem: „Was war im dritten Satz los?“

Sein langjähriger Mentor sah das Match nicht live in der Halle, da er Ernests Gulbis in Stockholm betreute. Thiem telefonierte mit Bresnik nach dem Match.

„Ich wollte darüber reden, wie toll das Match war, wie unglaublich die Atmosphäre in der vollen Halle, da hatten 7000 Leute für mich geschrien. Ihn interessierten nur die Gründe, warum ich als ATP-Nummer 149 doch nicht gegen die Nummer 8 gewonnen “, erzählt Thiem.

„Was war im dritten Satz los?“, soll ihn Bresnik gefragt haben. „Junior, wir haben noch einen sehr weiten Weg vor uns. Wir stehen in Wahrheit erst am Anfang.“

Bresniks Härte und Thiems Freude über seine starke Leistung haben eine weitere Komponente, die das Duo in den Wochen und Monaten vor dem Wien-Turnier 2013 heftig an einer Profikarriere zweifeln ließ.

Fünf Monate zuvor lag Thiem im einem Krankenhaus in Baden unweit von Wien. Vier Wochen lang wurden Blut, Stuhl und Harn untersucht, um Thiems unerklärlicher Schwächephasen, die in seiner späten Jugend regelmäßig auftraten, Herr zu werden. Die Ärzte entdeckten ein Bakterium, das nur für kurze Zeit aktiv ist und seinen Schaden anrichtet, und nur in jener Zeit nachweisbar ist.

„Wie sehr ihn die Krankheit behindert hatte, kann man nur an seiner explosionsartigen Entwicklung ermessen, nachdem er sie überstanden hatte“, schreibt Bresnik selbst. „Vom Krankenhaus in die Top 100 hatte es gerade einmal acht Monate gedauert.“

Keine drei Jahre später zog Thiem erstmals in die Top-10 ein, seinen dortigen Platz gab er bis heute nicht mehr ab. Nun bietet sich für Thiem die Chance, sich für die wichtigste Niederlage seiner Karriere zu revanchieren.

„Es ist ein sehr, sehr schweres Los. Er ist definitiv einer der besten Spieler des vergangenen Jahrzehnts“, sagt Thiem über seinen Erstrundengegner von Wien.

„Das wird nicht leicht. Es wird eine große Herausforderung für mich. Schon nach dem Match sagte ich, dass es in ein paar Jahren um einiges schwieriger wird“, weiß Tsonga.

Es wird das dritte Duell der beiden auf der ATP-Tour sein. Auch das zweite Aufeinandertreffen verlor Thiem, in Indian Wells 2016 setzte es im Achtelfinale eine klare Zweisatzniederlage in 68 Minuten. „Es ist schön, dass ich jetzt die Chance auf eine Revanche bekomme. Es ist definitiv eines der unangenehmsten Lose, die ich bekommen konnte.“

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