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Essay: Wenn der Kopf das Match verliert - Was ich auf dem Tennisplatz über Aufmerksamkeit gelernt habe

Worauf sollte man in mentaler Hinsicht während eines Tennismatches achten? Coach Vladislav Ilijin kann aus seiner reichhaltigen Erfahrung schöpfen.

von Gastbeitrag von Vladislav Ilijin
zuletzt bearbeitet: 25.08.2026, 08:33 Uhr

"Was habe ich mir da nur wieder gedacht?"
© Getty Images
"Was habe ich mir da nur wieder gedacht?"

Von Vladislav Ilijin

Im Training spiele ich manchmal wie ein anderer Mensch. Die Bälle landen sicher im Feld, die Bewegungen sind selbstverständlich. Im Punktspiel dagegen wirkt plötzlich alles fragil. Der Aufschlag wird unsicher, die Hand zögert. Die Technik ist dieselbe. Doch etwas hat sich verschoben: mein innerer Fokus.

Wer Tennis spielt, kennt diese Verwandlung. Der Gegner steht gegenüber, aber der eigentliche Kampf findet im Kopf statt. Als ich begann, mich mit dem Flow-Konzept des Psychologen Mihály Csíkszentmihályi zu beschäftigen, erkannte ich darin etwas wieder, das ich aus der Praxis kannte: einen Zustand, in dem man ganz in der Tätigkeit aufgeht, in dem Selbstzweifel leiser werden und Leistung sich überraschend mühelos anfühlt.

Flow ist ein psychologischer Begriff. Für mich ist er inzwischen eine sehr konkrete Beschreibung dessen, was auf einem Tennisplatz geschieht – und was dort oft fehlt.

Ein rechteckiges Feld als Bühne des Inneren

Tennis ist ein ehrlicher Sport. Man steht allein, mit viel Zeit zwischen den Ballwechseln. Zeit zum Atmen – und zum Nachdenken. Anders als im Mannschaftssport gibt es keinen Mitspieler, der einen auffängt, keine Auswechslung, wenn es im Kopf eng wird.

Ich habe bei mir und bei anderen immer wieder dieselben Muster beobachtet: Kaum wird es im Match kritisch, wandert die Aufmerksamkeit

Der Körper bleibt auf dem Platz, aber der Kopf ist in einem eigenen Film. Man spielt nicht mehr den Punkt, der gerade beginnt, sondern eine Geschichte über Sieg, Niederlage und Erwartungen. Hier bricht Flow: Der Kontakt zum Moment reißt ab.

Csíkszentmihályi beschreibt Flow als Zusammenspiel von klaren Zielen, unmittelbarem Feedback und einer Balance von Herausforderung und Fähigkeit. All das ist im Tennis vorhanden. Entscheidend ist, wie ich mit meiner Aufmerksamkeit umgehe.

Beobachtung statt automatischer Selbstkritik

Im Training reden wir viel über Technik, Taktik und Kondition. Das Mentale bleibt oft im Ungefähren: „Kopf hoch“, „Nicht ärgern“, „Bleib locker“. Gut gemeint – aber im Ernstfall schwer umzusetzen.

Mein erster Schritt war, das Mentale konkreter zu machen. Nach Sätzen oder Matches stellte ich mir einfache Fragen:

So banal diese Fragen klingen: Sie haben mir gezeigt, dass mein Kopf oft ein eigenes Match spielt. Viele meiner Reaktionen auf Fehler waren Urteile über mich („Ich kann das nicht“), nicht Beobachtungen des Spiels („Der Treffpunkt war zu spät“).

Diese Unterscheidung ist klein, aber entscheidend. Urteile ziehen die Aufmerksamkeit weg vom Ball und hin zu einem starren Selbstbild. Beobachtungen halten sie bei der Bewegung.

Kleine Rituale, leise Verschiebungen

Die nächste Veränderung betraf meine Routinen. Viele Spieler haben Rituale vor dem Aufschlag: den Ball prellen, kurz auf die Linien schauen, tief atmen. Früher habe ich diese Gesten für Gewohnheiten gehalten. Heute sehe ich darin Aufmerksamkeitsanker.

Ich habe angefangen, meine paar Sekunden vor dem Aufschlag bewusst zu nutzen:

Nicht „dieses Spiel“, nicht „dieser Satz“, nicht „dieses Turnier“ – nur dieser eine Ball. Dieser kleine Satz holt mich aus der Zukunftsrechnung und aus der Angst vor Bedeutung zurück ins Konkrete: eine Flugbahn, ein Treffmoment.

Es sind unscheinbare Veränderungen. Doch sie verschieben den inneren Zustand. Der Druck, etwas „Entscheidendes“ zu tun, wird kleiner; die Konzentration auf das Konkrete größer. Flow beginnt dort, wo der Ball wieder wichtiger wird als die Geschichte, die ich mir über ihn erzähle.

Fehler als Information

Die zweite große Verschiebung betraf meinen Umgang mit Fehlern. Ein Schlag ins Netz konnte früher eine ganze Kette innerer Kommentare auslösen: „Typisch“, „Du kannst das nicht“, „Das war’s für heute“. Solche Sätze ziehen die Aufmerksamkeit weg vom Spiel und hin zu einem starren Bild von mir selbst.

Ich habe mir angewöhnt, Fehler als Hinweise auf Bewegungen zu sehen. Nicht als Urteil über meine Person. Ein zu später Treffpunkt? „Ich gehe früher zum Ball.“ Ein hektischer Körper? „Ich stabilisiere meine Beinarbeit.“ So nüchtern das klingt: Der Fehler wird zur Information, nicht zur Identitätsfrage.

Dabei helfen kleine Rituale: nach einem Fehler kurz den Schläger betrachten, einmal ruhig atmen, dann bewusst einen Satz wählen – „Nächster Punkt“. Es geht nicht darum, Fehler schönzureden, sondern darum, ihnen nicht mehr Macht zu geben als nötig.

Wenn das Ergebnis seine Schärfe verliert

Eine merkwürdige Erfahrung im Flow ist, dass das Ergebnis für den Moment in den Hintergrund tritt. Nicht, weil es egal wäre. Sondern weil so viel Aufmerksamkeit im Jetzt gebunden ist, dass kaum Raum bleibt, ständig zu rechnen: „Was bedeutet dieser Punkt?“

Ich habe Matches verloren, die sich innerlich stimmig anfühlten: Ich war präsent, habe mich frei bewegt, war im Spiel. Und ich kenne gewonnene Matches, nach denen ich mich verspannt und leer fühlte, weil sie vor allem vom Versuch geprägt waren, bloß nichts falsch zu machen.

Gerade im Vereins- und Freizeitsport hat das eine Bedeutung. Viele kommen nach einem langen Arbeitstag auf den Platz. Tennis ist dann mehr als Wettkampf: Es ist eine Form der konzentrierten Gegenwart – ein Gegenentwurf zur zersplitterten Aufmerksamkeit des Alltags.

Flow ist in diesem Sinn nicht nur eine Leistungsfrage. Es ist eine Qualität der Gegenwart.

Ein kleines Labor für Aufmerksamkeit

In meinem Sachbuch „Flow-Erleben im Tennis durch Aufmerksamkeitssteuerung“ habe ich versucht, diese Erfahrungen systematisch aufzubereiten. Der Tennisplatz ist für mich ein kleines Labor: Hier lässt sich beobachten, was passiert, wenn Aufmerksamkeit zersplittert – und was passiert, wenn sie gebündelt wird.

Wer während des Ballwechsels gleichzeitig an den Spielstand, den Ärger über den letzten Fehler und die Zuschauer denkt, wird kaum frei schlagen. Wer seine Aufmerksamkeit konsequent bei Ball und Bewegung hält, erlebt eine andere Qualität des Spiels.

Im Alltag ist es ähnlich. Wir springen zwischen E-Mails, Nachrichten, Gesprächen und eigenen Sorgen. Die Aufmerksamkeit zerspringt. Flow im Beruf, in kreativen Tätigkeiten, sogar im Gespräch mit anderen entsteht unter ähnlichen Bedingungen wie auf dem Platz: klare Aufgaben, unmittelbares Feedback, angemessene Herausforderung – und eine Aufmerksamkeit, die nicht in alle Richtungen gleichzeitig streut.

Ich nutze heute Prinzipien, die ich auf dem Tennisplatz gelernt habe: begrenzte, klare Schritte statt vager großer Ziele; Feedback als Information statt als Urteil; kleine Einstiegsrituale, bevor ich mit einer Aufgabe beginne.

Der Kopf als Mitspieler

Im Spitzensport ist mentale Arbeit selbstverständlich. Im Vereins- und Freizeitsport wirkt sie oft wie eine Nebensache. Dabei könnten gerade dort viele profitieren: Kinder, die lernen, Fehler anders zu sehen; Erwachsene, die Tennis nicht als zusätzlichen Leistungsdruck erleben, sondern als Übungsfeld für einen anderen Umgang mit sich selbst.

Für mich hat sich ein Blickwechsel vollzogen: Der Kopf ist kein Gegner, den ich „ruhigstellen“ muss. Er ist ein Mitspieler, den ich führen kann. Flow ist dann kein seltenes Geschenk, sondern eine Möglichkeit, die durch unsere Aufmerksamkeit eingeladen oder verhindert wird.

Auf einem rechteckigen Feld mit Linien und einem Netz wird sichtbar, wie wir mit uns selbst umgehen, wenn es darauf ankommt. Wer dort lernt, den Ball und den Moment wieder in den Mittelpunkt zu stellen, übt etwas, das über Tennis hinausreicht.

Am Ende sind es nicht die fehlerlosen Matches, die bleiben, sondern die, in denen wir wirklich da waren. Genau diesen Zustand nenne ich Flow. Und Tennis ist für mich einer der klarsten Wege, ihn immer wieder bewusst zu suchen, zu erleben – und anderen zugänglich zu machen.

von Gastbeitrag von Vladislav Ilijin

Mittwoch
26.08.2026, 15:10 Uhr
zuletzt bearbeitet: 25.08.2026, 08:33 Uhr