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"Geistesgestört. Wahnsinnig. Unmenschlich“: So lief das US-Open-Finale zwischen Thiem und Zverev

Habt ihr das gesamte US-Open-Finale zwischen Dominic Thiem und Alexander Zverev geschaut? Hier ein Rückblick im Zeitraffer...

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 14.09.2020, 12:25 Uhr

Dominic Thiem, Alexander Zverev
© Getty Images
Dominic Thiem, Alexander Zverev

Es ist 1.49 Uhr in Deutschland, als Boris Becker in einem Münchner Fernsehstudio eine Prognose abgibt, mit der ganzen Erfahrung des Tennis-Straßenkämpfers vergangener Tage. Alexander Zverev hat im US Open-Finale gerade eben das Break zum 5:3 im fünften Satz gegen Dominic Thiem geschafft, er serviert also zum Matchgewinn, zum ersten Major-Titel der Karriere. Becker sagt: „Die nächsten vier Punkte werden die schwersten seines Lebens.“

Becker wird recht behalten, genau eine halbe Stunde später, um 2.19 Uhr, ist alles vorbei. Nicht für Zverevs Gegner Dominic Thiem, sondern für den Deutschen. Zverev hat nicht nur ein Rebreak zum 4:5 kassiert, er hat nach 5:5, 5:6 und 6:6-Wegpunkten dann auch in den letzten gut zehn Minuten des 241-Minuten-Thrillers den fälligen Tiebreak verloren – 2:0 führt er im ultimativen Lotteriespiel, ehe mit dem 6:8-Punkt Thiems die Niederlage besiegelt ist.

Nichts hatte auf dieses Ende hingedeutet, als Zverev um 23.37 Uhr und nach gerade mal 80 Minuten Spielzeit mit einer 2:0-Satzführung auf seiner Pausenbank Platz nahm. „Er hat das Ding im Griff, aber vorbei ist das noch lange nicht“, gibt Becker, der Eurosport-Experte, zu Protokoll. Er weiß, wovon er spricht, er hat oft genug die unmöglichsten Spiele noch gewonnen. Als keiner mehr an ihn glaubte.

Um 23.49 Uhr scheint die Hoffnung für Zverevs Gegner Thiem allerdings endgültig zu schwinden: Der Deutsche schafft das Break zum 2:1 im dritten Satz, um zu gewinnen, müsste er nur noch vier Mal seinen Aufschlag durchbringen. Aber was passiert, ist dies: Das sofortige Rebreak zum 2:2, in einem neun Minuten dauernden Spiel bis 23.58 Uhr - und eine Veränderung der Machtbalance.

Thiem startet eine Aufholjagd wie nie zuvor in seiner Karriere. Um 0.27 Uhr gewinnt er den dritten Satz, um 1.09 Uhr hat er zum 2:2-Remis ausgeglichen. Er wirkt nun wie der wahrscheinlichere Sieger, aber auch hier hebt Becker warnend den Zeigefinger: „Sascha wird sich nicht kampflos ergeben. Es geht noch mal von Punkt Null los.“

Satz 5 startet um 1.12 Uhr, und zwar gleich mit einem Break für Thiem. Aber um 1.16 Uhr sind beide Kämpfer wieder auf Augenhöhe, Rebreak Zverev zum 1:1. Beide Spieler halten ihren Aufschlag, bis zum Break Zverevs um 1.49 Uhr. Der Traum vom Sieg zerplatzt schnell, Thiem verkürzt mit dem Rebreak zum 4:5 um 1.51 Uhr. Im nächsten Aufschlagspiel von Thiem führt Zverev plötzlich 30:15, zwei Punkte fehlen ihm noch zum Sieg, aber sein Freund und Rivale packt in der Bedrängnis sein allerbestes Tennis aus, zwei monströse Passierschläge führen letztlich zum 5:5 um 1.57 Uhr.

Über Break Thiem zum 6:5 um 2.02 Uhr und Break Zverev zum 6:6 um 2.08 Uhr geht es in den Tiebreak. Thiem gerät 0:2 in Rückstand, er kämpft nicht nur gegen Zverev, sondern auch gegen die Müdigkeit seines Körpers, gegen Krämpfe. Auch Zverev läuft auf Tank-Reserve über den Centre Court. Er verspielt den Vorsprung, bei 3:3 werden die Seiten gewechselt, es ist 2:12 Uhr in der Ashe-Arena. Das Drama steuert seinem Höhepunkt zu.

Um 2.15 Uhr hat Thiem zwei Matchbälle bei 6:4-Führung, aber er vergibt sie mit haarsträubenden Vorhand-Fehlern. Beim 6:6 werden um 2:17 Uhr noch einmal die Seiten gewechselt.

Jeder der beiden Spieler kann nun mit den nächsten beiden, aufeinander folgenden Punkten gewinnen. Mehr Spannung, mehr Nervenspiel geht nicht. Zverev schlägt auf, ein Passierball Thiems bedeutet aber das 7:6 für den Österreicher. Und seinen dritten Matchball.

2.19 Uhr. Thiem sinkt zu Boden, restlos ausgepumpt, aber glücklich. Eine verschlagene Rückhand Zverevs hat ihm den ersten Grand Slam-Titel seiner Karriere gebracht, nach drei verlorenen Major-Finals zuvor.

Um 2.34 Uhr wird Thiems Bruder Moritz auf die Centre Court-Leinwand zugeschaltet. Was hat der Sieger dem kleineren Bruder zum Spiel zu sagen? Ein paar Worte nur, aber sie sprechen Bände: „Geistesgestört. Herrlich. Wahnsinnig. Unmenschlich.“ Und dann noch dies: „Wir feiern jetzt so richtig.“

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von Jörg Allmeroth

Montag
14.09.2020, 14:50 Uhr
zuletzt bearbeitet: 14.09.2020, 12:25 Uhr

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