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Kritik an Djokovic: "Der Letzte, von dem man irgendwelche Ratschläge annehmen sollte"

Als Novak Djokovic Ende vergangener Woche in Adelaide gelandet war, dauerte es nicht lange, bis er schon wieder im Mittelpunkt einer Kontroverse war.

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 18.01.2021, 14:17 Uhr

Novak Djokovic hat ausnahmsweise mal ein Tiebreak verloren
© Getty Images
Novak Djokovic

Kaum hatten Djokovic und andere Tennisprofis die üblichen Einreiseformalitäten in der Hauptstadt des Bundesstaates South Australia absolviert, wurde die Kolonne auf mehrere Kleinbusse verfrachtet. Bei der Abfahrt vom Flughafen allerdings konnten Kameraleute ein bezeichnendes Bild einfangen: Im Wagen des Weltranglisten-Ersten trugen alle Insassen die verpflichtende Maske, nur er selbst, der Rekordsieger der Australian Open (acht Titel), schaute ohne Mund-Nasen-Bedeckung heraus zu den Augenzeugen der Szene.

Es ist inzwischen auch nicht viel besser geworden für Djokovic, den Tennis-Weltstar, dessen Reputation abseits der Tennis-Begrenzungslinien 2020 bereits erhebliche Risse abbekommen hatte. Djokovics jüngste Kapriole auf dem Fünften Kontinent, noch vor den ersten Ballwechseln des Grand Slam-Spektakels Down Under, sorgte nun für erheblichen Kollateralschaden im gesamten Tennis-Kontingent. Der 33-jährige Serbe hatte sich nach der Anordnung einer regulären Quarantäne für 72 Spielerinnen und Spieler dazu aufgerufen gefühlt, einen erstaunlichen Forderungskatalog an das Australian Open-Management zu stellen – es klang dabei, als agiere der 17-malige Major-Gewinner im Namen des eingereisten Wanderzirkus. Zu den Punkten, die Djokovic für die Spieler anmahnte, die sich wegen Infektionsfällen auf mehreren Charterflügen in die Isolation hatten begeben müssen, zählte u.a. eine verkürzte Quarantänezeit, die Umquartierung in private Anwesen mit Trainingsmöglichkeiten und bessere Verpflegung.

Reaktionen auf Djokovic-Forderungen: "Ist das sein Ernst?"

Die Reaktionen in Australien, monatelang von immer neuen und harten Lockdowns gebeutelt, schwankten zwischen harschem Spott und offener Empörung – bis hin zu der Forderung auf Social Media-Plattformen, Djokovic umgehend aus dem Land auszuweisen. Victorias Premier Dan Andrews, der nach langwierigem Verhandlungspoker die Erlaubnis für den Grand Slam-Turnierstart gegeben hatte, trat eilig vor die Kameras und schleuderte dem Serben ziemlich unverblümt entgegen, „niemand“ aus dem Tennisbetrieb habe das Recht, derartige Forderungen zu stellen. Zum Inhalt des Djokovic-Papiers sagte der Regierungschef: „Nichts davon steht auch nur zur Debatte.“

Djokovic ehemaliger Profikollege Sam Groth, inzwischen TV-Experte und Zeitungskolumnist, erklärte schroff: „Ist das sein Ernst? Das ist ein selbstsüchtiger Schritt, um Popularität bei Spielern zu gewinnen. Nimmt man sein Verhalten bei der Adria-Tour im letzten Jahr zum Maßstab, bei der sich zahlreiche Spieler ansteckten und das Virus verbreitet wurde, ist er der Letzte, von dem man irgendwelche Ratschläge annehmen sollte.“

In der Tat war Djokovics Eingriff peinlich für die Tenniskolonne, die sich glücklich schätzen könnte, ihren ersten Major-Wettbewerb der Saison überhaupt abhalten zu können – trotz gewaltiger interkontinentaler Reisekomplikationen. Und trotz der Tatsache, dass rund 40.000 Australier wegen schwerer Einreisebeschränkungen nach wie vor verzweifelt auf die Rückkehr in ihre Heimat warten. Wie sich da Djokovic zum Appell versteigen könne, neue Privilegien für die ohnehin schon begünstigten Tennisspieler einzuklagen, sei „unfassbar“, hieß es in einem Leitartikel der Tageszeitung The Age in Melbourne. 

Fortsetzung von Djokovic-Fehlverhalten

Manche hätten womöglich Nachsicht mit dem gebürtigen Belgrader gehabt, wäre es ein einmaliger verbaler Ausrutscher gewesen, ein buchstäblich isolierter Lapsus, eine einzige fragwürdige Eskapade. Aber in Wahrheit war es nur die Fortsetzung einer ganzen Serie von Auffälligkeiten, von mal nachlässigem, mal vorsätzlichem Fehlverhalten gegen wissenschaftliche Erkenntnisse.

Djokovics Hang zu esoterischer Scharlatanerie wurde der Öffentlichkeit 2020 genauso bewusst wie ein fragwürdiges Sozialverhalten, das darin gipfelte, dass er inmitten der Pandemie und direkt vor dem Start der US Open im zurückliegenden Herbst einen Aufstand gegen die eigene Spielergewerkschaft ATP anzettelte – und eine neue Interessensvertretung gründete. Später fügte er seiner persönlichen Schadensbilanz der Saison, die mit der heftigst kritisierten Schaukampfserie in seiner serbischen Heimat begonnen hatte, noch die Disqualifikation in New York hinzu, verursacht durch den Ballabschuss einer Linienrichterin.

Die langjährige Profispielerin Rennae Stubbs (Australien), eine der ältesten Freundinnen und Weggefährtinnen von Steffi Graf, gab vor allem Djokovic, aber auch dem Rest der Tenniskarawane einen guten Rat, nämlich den „Mund zu halten und sich auf die sportlichen Dinge zu konzentrieren“: „Wer in diesen Tagen um die Welt fliegen darf und noch sehr viel Geld verdient dabei, sollte sich glücklich schätzen“, so Stubbs, „und an die denken, denen es sehr viel schlechter geht.“

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von Jörg Allmeroth

Montag
18.01.2021, 20:04 Uhr
zuletzt bearbeitet: 18.01.2021, 14:17 Uhr

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