„Der Tennissport darf nicht schlafen“
Kidstennis-Experte Michael Ebert mahnt, dass der Tennissport die Weiterentwicklung nicht übersehen darf.
von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet:
11.12.2014, 12:10 Uhr

Druckreduzierte Bälle, kleinere Spielfelder, kürzere Schläger: Wie wichtig die Initiative „Play + Stay“ für die Spielentwicklung junger Tennisspieler ist, weiß keiner besser als Michael Ebert. Er war lange für den Nachwuchsbereich des Österreichischen Tennisverbandes verantwortlich und gilt als einer der führenden Lehrreferenten für Kinder- und Jugendtennis. Warum gerade der Midcourt Vorteile mit sich bringt, erläutert der 50-jährige Österreicher im Rahmen des Internationalen DTB-Tenniskongresses vom 2. bis zum 4. Januar 2015 im Berliner Hotel Estrel.
Herr Ebert, Ihr Vortrag in Berlin trägt den Titel „Player Development auf dem Orange Court“. Was können Sie uns darüber erzählen?
Michael Ebert:In meiner Verantwortung als National Director Kids Tennis Development wurde 2008 im Österreichischen Tennisverband ein neues Kids-Turnierformat eingeführt, das auf den Richtlinien der weltweiten ITF-Kampagne „Play + Stay“ basiert. Ziel war es, den Tennissport für die Altersklasse U10 durch geeignetes Material, attraktive Spielformen und altersentsprechende Spielfelder interessanter zu gestalten und den jungen Spielern bessere Entwicklungschancen zu bieten. Dem Orange Court bzw. Midcourt, einer Zwischenstufe zwischen Kleinfeld und Großfeld, kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Der verkürzte Platz und die Verwendung von Bällen mit 50 Prozent weniger Druck erleichtern dem Nachwuchs das Spielen immens.
Welche entscheidenden Vorteile bietet der Midcourt für die Entwicklung eines Spielers?
Auf dem großen Court entstehen im jungen Alter unverhältnismäßig hohe Laufwege. Das Kind ist permanent in Notsituationen und kann dadurch seine Technik nicht richtig entwickeln. Die Idee des Midcourts basiert auf druckreduzierten Bällen, kürzeren Schlägern und einem kleineren Spielfeld, die an die Körpergröße von Acht- und Neunjährigen angepasst sind. Da die Bälle nicht so hoch abspringen und langsamer fliegen, haben die Kids die Möglichkeit, technisch und taktisch zu spielen wie die Großen. Nur ein Beispiel: Über die Hälfte aller Netzangriffe im Midcourt enden erfolgreich. Das wäre beim Spiel im großen Feld ein utopischer Wert.
Worauf sollten Ihrer Meinung nach die Trainer besonders achten, wenn sie mit Acht- und Neunjährigen trainieren, die erfolgsversprechende Voraussetzungen mitbringen?
Trainer sollten nicht zu früh zu einem größeren Schläger greifen. Wie soll ein Kind denn so einen einhändigen Rückhand-Volley oder einen Kick-Aufschlag lernen? Bälle, Schläger und Spielfeld sind als Einheit zu sehen. Stimmen alle drei Faktoren, kann schon ein Neunjähriger Serve-and-Volley spielen. Außerdem rate ich allen Trainern, die Kids schon sehr früh Punkte ausspielen zu lassen, um instinktiv taktische Feinheiten zu erlernen und Spielsituationen zu verstehen. Der Wettkampf-Gedanke kommt beim Tennis teilweise leider immer noch zu kurz, zu oft steht reines Techniktraining im Mittelpunkt. Dabei weckt doch erst das Spiel gegeneinander die Begeisterung für den Sport. Als junger Fußballspieler ist es undenkbar, vor dem ersten Punktspiel drei Jahre lang Freistöße üben zu müssen. Meiner Überzeugung nach sollten Kinder im Alter von sechs Jahren nach drei bis vier Monaten Tennistraining bereits ihr erstes Match bestreiten.
Es gibt Trainer oder Clubverantwortliche, die es als problematisch ansehen, einen Midcourt und orangefarbene Bälle zur Verfügung zu stellen. Wie reagieren Sie auf solche Aussagen?
Darüber kann ich mich nur wundern. Der Midcourt ist sehr schnell auf- und wieder abgebaut. Entsprechende Markierungslinien und ein Kindernetz sind preiswert und halten sich viele Jahre. Ein Trainer hat nicht die Aufgabe, sich ein schönes Leben zu machen, sondern das zu tun, was für seine Schüler am sinnvollsten ist. Ich ziehe gerne das Beispiel Schule heran: Auch hier nutzen Lehrer stets diejenigen Bücher und Lehrmaterialien, die einen besseren Lernerfolg garantieren. In vielen Bereichen findet immer wieder eine Weiterentwicklung statt – da darf der Tennissport nicht schlafen!
Wie sehen Sie die Entwicklung der ITF-Initiative „Play + Stay“ mit seinen angepassten Spielfeldern, insbesondere des Midcourts?
In manchen Köpfen ist leider noch immer die alte Hardware verankert. Obwohl wissenschaftliche Untersuchungen die fundamentale Auswirkung des Midcourts auf die langfristige Spielentwicklung unterstreichen, erfährt das veränderte Nachwuchskonzept generell noch zu wenig Akzeptanz und Verständnis. Hier stehen die Trainer in der Pflicht, die Möglichkeiten des spielorientierten Unterrichtens mit angepassten Courts und altersgerechtem Material zu nutzen und so die Einsteiger nachhaltig für den Tennissport zu begeistern. Denn eins ist klar: Mehrere Schüler in eine Reihe zu stellen und nacheinander alle paar Minuten einen Ball schlagen zu lassen, macht keinen Sinn.
Interview: DTB
