Alte Frage, neu befeuert: Wie lange noch, Roger Federer?

Roger Federerüberraschte am Donnerstagmorgen mit einer ungeahnten Verletzungsauszeit. Es fällt auf, dass der 38-Jährige von immer mehr Zipperlein geplagt wird in den letzten Jahren. Wie lange kann er noch weiterspielen?

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 21.02.2020, 12:34 Uhr

Roger Federer spielt, wann immer er gebraucht wird
© Getty Images
Roger Federer

Auf den großen Reklametafeln überall in Dubai lächelt Roger Federer noch auf die Passanten und Autofahrer hinunter. Ganz so, als ob überhaupt nichts passiert wäre. Aber der Tennis-Gigant wird nächste Woche nicht im Titelkampf in der Millionenmetropole am Golf mitmischen, und auch in den nächsten knapp vier Monaten wird man den größten aller Branchenstars nicht zu Gesicht bekommen auf einem der Centre Courts.

Federer ist verletzt, er hat sich einem arthroskopischen Eingriff am Knie unterzogen – und da ist die Frage auf dem Tisch, wie es eigentlich mit der Karriere des inzwischen 38-jährigen Veteranen weitergeht. Der Schweizer selbst hat erst einmal den üblichen Optimismus versprüht, am Ende seiner jähen Internetbotschaft am Donnerstag rief er seinen Fans zu: „Wir sehen uns auf Gras.“ Im Juni hat Federer vor Wimbledon routinemäßig seinen Start in Halle geplant, beim ATP 500er-Wettbewerb, bei den 28. Noventi Open – seine Hoffnung ist Grün. Nun noch mehr als gewohnt.

Federer: Verletzungsprobleme häufen sich

Die neuesten körperlichen Probleme lenken allerdings auch den Blick auf den näherrückenden Abschied des Spielers, der seinem Sport in der Moderne wie kein anderer Aufmerksamkeit und Schlagzeilen verschafft hat. Federer ist das prägendste Gesicht des Tennis geworden, selbst in tennisfernen Kreisen ist der Mann aus der Schweiz ein Begriff, eine Marke, einer, dessen Initialen RF inzwischen für sich sprechen. Aber das Tennis muss sich allmählich daran gewöhnen, dass der 20-malige Grand-Slam-Sieger und langjährige Weltranglisten-Erste nun tatsächlich auf den letzten Metern seiner erstaunlichen Laufbahn ist.

In den letzten Jahren haben sich Federers Verletzungsprobleme angehäuft, trotz aller Professionalität, Arbeitseffizienz und Trainingsintensität, die Federer zeigt. Schon vor vier Jahren hatte Federer nach einer Meniskusverletzung zum Jahresstart dann nach Wimbledon eine sechsmonatige Pause einlegen müssen. 2017 schaffte er ein Traumcomeback, holte den Titel bei den Australian Open, es war eine hollywoodreife Nummer, wie Federer selbst sagte. Aber er sagte auch all denen, die immer mal wieder an außergewöhnliche Siegmomente glaubten: „Märchen wiederholen sich nicht beliebig.“

Weiter, immer weiter?

Federer hatte zuletzt vergleichweise viel Tennis gespielt, er ging selbst nach dem Saisonende 2019 noch auf eine Schaukampftournee nach Südamerika. Bei den Grand-Slam-Auftritten zuvor plagten ihn allerlei Zipperlein, meist behinderten ihn Rückenschmerzen. Auch bei den Australian Open vor einem Moment kämpfte er nicht nur gegen hartnäckige Konkurrenz, sondern auch gegen den eigenen Körper. Bevor er gegen Novak Djokovic im Halbfinale verlor, gab er sich – sichtlich angeschlagen – nur eine „Drei-Prozent-Siegchance.“ Auf die wiederkehrende, notorische Frage „Wie lange noch“ antwortete der vierfache Familienvater in der Regel mit der trotzigen Bemerkung: „Ich arbeite so, als ob es weitergeht.“ Weiter, immer weiter? So ist es dann auch nicht, nicht mehr. Denn jüngst sagte Federer auch: „Der Gedanke an einen Rücktritt, er ist ganz real.“

Federer: Weltrangliste egal, es geht um Titel

Für 2020 hatte sich Federer ein ambitioniertes Turnierprogramm aufgeladen, er wollte alle Grand-Slam-Turniere spielen. Und er wollte im Sommer auch nach Tokio reisen, zu seiner fünften Teilnahme an Olympischen Spielen – mit dem Ziel, vielleicht doch noch Einzel-Gold zu holen. Bisher hält der Maestro auch an seinen Plänen fest, alles immer unter der Voraussetzung, dass bei seinem Comeback, bei seiner Regeneration keine Komplikationen entstehen. Federer wird in der Weltrangliste zurückfallen, aber ob er nun auf Platz 3, auf Platz 8 oder auch außerhalb der Top Ten steht, ist nicht sonderlich bedeutend. Wichtig sei, das hat er immer wieder betont, „dass ich das Gefühl habe, gegen jeden Spieler da draußen gewinnen zu können. Und dass ich Titel holen kann.“

Bisher konnte Federer bei dieser Selbstbefragung noch immer feststellen: Ja, ich kann. 2019 holte er vier Titel, sicherte sich den 100. Karrieresieg in Dubai, sammelte anschließend noch die Trophäen in Miami, Halle und Basel ein. In Wimbledon hatte er zwei Matchbälle gegen Novak Djokovic, zum neunten Rekordtitel. Der Kampf der Jungen Wilden gegen das Establishment wird sich indes nun vorerst auf andere Namen konzentrieren, auf Djokovic und Rafael Nadal als Akteure, die es zu schlagen gilt. Federer wird im Frühling als große Unbekannte in der Rechnung auftauchen. Nicht zuletzt auch für sich selbst. 

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von Jörg Allmeroth

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21.02.2020, 17:47 Uhr
zuletzt bearbeitet: 21.02.2020, 12:34 Uhr

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