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Daniil Medvedev bei den US Open 2019: Mann der Stunde, Aufsteiger der Saison, Bad Boy

Daniil Medvedev war bereits im Vorfeld der US Open der "Player to watch". Nach seinen Auftritten in New York - verletzt und ständig im Zoff mit dem Publikum - wird das Halbfinale gegen Grigor Dimitrov heiß erwartet.

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 06.09.2019, 19:50 Uhr

Daniil Medvedev
© Getty Images
Daniil Medvedev

In der Hitze des Gefechts tat Daniil Medvedev letzte Woche etwas, was man normaler Weise nicht tun sollte: sich mit dem wilden New Yorker Publikum anzulegen. Aber Medvedev ist, wie so manche auf den Rängen, ein Hitzkopf, ein jähzorniger Charakter, ein Mann, der für Asse und pfeilschnelle Grundschläge genau so bekannt ist wie für irre Black-Outs. Und so geschah es auch in jenem Drittrunden-Spiel gegen den spanischen Veteranen Feliciano Lopez: Erst entriss Medwedew wütend einem arglosen US Open-Ballmann das Handtuch, und dann, nach aufgebrachten Reaktionen der Fans, zeigte er dem Publikum klammheimlich auch noch den Mittelfinger.

Als der Affront auf der Anzeigetafel offenbar wurde, kassierte er die fällige Verwarnung und war fortan der auserwählte Buhmann. Bei jedem Fehlschlag des Russen rauschte der Beifall durch die Arena, für Doppelfehler wurde der 23-jährige hämisch ausgelacht von den Zuschauern. Allerdings tat Medvedev ihnen keineswegs den größten Gefallen, im Sturm der Schmähungen den klaren Kopf und das Match zu verlieren. Medvedev siegte an diesem denkwürdigen Abend, in seinem Drittrundenspiel. Er siegte auch danach, erst im Achtelfinale gegen den tapferen Schwarzwälder Dominik Koepfer und dann im Viertelfinale gegen den schweizerischen Kraftmeier Stan Wawrinka.

McEnroe: "Ein Typ, ein Charakter!"

Nun steht der gebürtige Moskowiter erstmals, aber keinesfall sensationell in der Runde der letzten Vier bei einem Major-Wettbewerb, trifft am Freitag im Halbfinale auf Federer-Bezwinger Grigor Dimitrov. Medvedev bleibt damit die auffälligste Erscheinung dieses Sommers in der Tenniskarawane: Denn vor den New Yorker Erfolgen hatte der Schlaks mit dem harten Bumms bereits drei Finals hintereinander erreicht, in Washington, Montreal und Cincinnati, und das Masters in Cincinnati auch als Sieger verlassen.

Novak Djokovic, der Nummer-eins-Mann, hatte ihn schon vor den US Open zum „klaren Mitfavoriten“ auserkoren – und damit auch recht behalten. In Djokovics Einschätzung schwang auch noch ein Subtext mit, die Frage, ob Medvedev vielleicht der Mann war, der jetzt in die Phalanx der Großen Drei einbrechen konnte, in den bisher so exklusiven Kampf um die großen Titel zwischen ihm selbst, Djokovic, sowie Federer und Nadal. „Eins ist klar“, befand jedenfalls Ex-Genius John McEnroe, „Medvedev ist eine Riesenbelebung. Ein Typ, ein Charakter. Einer, der mehr bietet als nur Tennis.“

Legendäre In-Court-Interviews

Wahrscheinlich werden auch die New Yorker rasch ihren Gefallen an dem etwas schrägen Charakter von Medvedev finden, schließlich lieben sie die emotionalen, leidenschaftlichen und auch mal verrückten Typen. Medvedev, inzwischen auf Platz 5 der Weltrangliste aufgerückt, hatte ihnen auch nach den letzten Siegen noch Stoff geliefert, als er jedes Mal betonte, wie sehr ihn Pfiffe und Buhrufe inspiriert hätten („Ihr habt mir so viel Energie gegeben, als ihr gegen mich wart“) – es war ein halb charmanter, halb zynischer „Ich liebe Euch doch alle“-Auftritt, bei dem viele Fans erst mal noch den Daumen senkten, bevor sie dann aber auch lachten und sogar Applaus spendeten für so viel Chuzpe.

Als Bad Boy Medvedev sich nach der Partie gegen Wawrinka für manche Idiotie der letzten Tage entschuldigte, war der Beifall schon so umfassend im Ashe-Stadion, dass man auf einmal wusste: Sie freuen sich, so wie einst bei McEnroe oder Connors oder Nastase, auf das nächste Gastspiel des seltsamen, aber spannenden Russen. Des geliebten Bösewichts.

Medvedev will auf dem Court ein guter Mensch werden

Sportlich ist ohnehin nichts auszusetzen an Medvedev. Er ist fraglos der Mann der Stunde im Wanderzirkus, sogar der Aufsteiger der ganzen Saison. Generationsgenossen, über die zuletzt viel gesprochen und gerätselt wurde, etwa Alexander Zverev oder Stefanos Tsitsipas, hat er in den Schatten und ins Abseits gestellt, mehr als die 49 Siege im Jahr 2019 kann kein einziger Profi aufbieten, auch nicht die außergewöhnlichen Gentlemen an der Spitze. Selbst für das Saisonfinale in London hat sich der Russe mit Wohnsitz Monte Carlo schon qualifiziert.

Medvedev hatte sich eigentlich nach manchen Skandalen in jungen Profijahren zuletzt geläutert, Zwischenfälle wie in Wimbledon, wo er einer Schiedsrichterin Geldmünzen vor die Nase warf, gehörten der Vergangenheit an. Bis in New York wohl auch der Wettkampfstreß dieses Sommers seinen Tribut forderte, immerhin hat Medvedev jüngst in 33 Tagen 21 Matches bestritten (und 19 davon gewonnen). „Ich arbeite hart daran, ein guter Mensch auf dem Platz zu sein“, sagt Medvedev vor dem Match gegen Dimitrov, den eleganten Bulgaren, „neben dem Platz bin ich das sowieso.“

Eigentlich ist Medvedev viel zu müde und ausgepowert, um für die harte Schlussphase des Turniers gerüstet zu sein. Seit Tagen schleppt er sich mit diversen Wehwehchen und Bandagen herum, es zwickt an allen Ecken und Enden. Aber bei Medvedev, dem Mann, der schon mal vier Asse in einer halben Minute vom Schläger zaubert, ist vieles, wenn nicht alles möglich. „Bei mir weiß man nie“, sagt Medvedev.

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Freitag
06.09.2019, 13:44 Uhr
zuletzt bearbeitet: 06.09.2019, 19:50 Uhr