Wie Alexander Zverev einen Albtraum in einen Traum verwandelte
Stell dir vor, du spielst das beste Match deines Lebens. Und beendest dieses auf einer Krankenliege. Der Tennissport ist verrückt. Er schreibt Geschichten, die sich kein J.R.R. Tolkien ausmalen kann. Das weiß nun auch Alexander Zverev,schreibtTennis-Insider Marco Kühn.
von Marco Kühn
zuletzt bearbeitet:
08.06.2026, 12:51 Uhr

Andre Agassi sagte mal, der Tennissport sei wie das Leben. Mal hast du Vorteil, dann liegst du zurück. Es folgen Rückschläge, bevor du dann, wenn du dran bleibst, manchmal gewinnst. Der Sieg ist aber niemals garantiert. Lass uns vier Jahre zurückgehen. In die Vorhandecke auf dem Court Philippe-Chatrier.
Wie aus einem Traum zunächst ein Albtraum wurde
Wir saßen gebannt vor dem Fernseher. Meine Frau, Mini Australian Shepherd Dexter und ich. “Verdammt, ich habe ihn noch nie so gut spielen sehen", sagte ich im Verlauf des ersten Satzes. Das war im Jahr 2022. Halbfinale French Open. Alexander Zverev gegen den Mann, nach dem dieses Turnier eigentlich benannt werden müsste: Rafael Nadal. Saschas Spielweise zwang Nadal zu teilweise kaum erklärbaren Schlägen. Die mächtigen Schläge von Sascha, diese smoothe Unbekümmertheit, zwangen Nadal dazu, in den entscheidenden Phasen die Schwerkraft außer Kraft setzen zu müssen.
Zverev führte in Durchgang eins mit Break. Im dann folgenden Tiebreak hatte er Satzbälle. Rafa musste alles auspacken, was er hatte. Der Matador drehte das Ding, vor einem Publikum, das nicht mehr stillsitzen konnte. 99 Prozent aller anderen Spieler wären nach so einem ersten Satz gegen Rafa eingebrochen. Aber dieser junge Kerl mit den Halsketten und den damals noch dünneren Ärmchen blieb hartnäckig. Denn auch im zweiten Satz lieferte er dem “Matador von Roland Garros” einen erbitterten Kampf an der Grundlinie.
Das verlorene Kopfduell gegen Carlos Alcaraz
Eine der größten Leistungen der letzten Tennisjahre war die Finalteilnahme von Alexander Zverev in Roland-Garros 2024. Zwei Jahre nach einer so schweren Verletzung wieder auf diesem Court, in einem solchen Finale zu stehen, ist alles andere als normal. Jeder, der diese Zeilen hier liest und schwer verletzt war, wird das wissen. Du hast deine Verletzung im Kopf. Das macht was mit dir. Auf positive Weise, aber auch mental. Eine so schwere Verletzung kann dich resilienter machen. Sie hinterlässt aber auch tiefe Spuren auf deinem Weg zurück an die Grundlinie. Spuren, die sich nicht einfach wie den Sand an der Grundlinie wegwischen lassen.
Zverev konnte sich in diesem Finale gegen Carlos Alcaraz Chancen erarbeiten. Er spielte stark, führte 2:1 in den Sätzen. Aber es war noch zu früh. Ihm fehlte dieser letzte Glaube an die eigenen Stärken. Der Glaube, so ein Grand-Slam-Ding tatsächlich gewinnen zu können. Als Zuschauer war man voll drin und dachte sich: “Mensch, Junge, du hast es doch drauf!”. Aber Zverev war in seinem Kopf, als Spieler, der direkt auf dem Court stand, vermutlich weiter vom Sieg entfernt als der Zuschauer. Nach der 2:1-Satzführung war der Glaube gebrochen. Alcaraz wuselte über den Sandplatz wie ein Tennis-Aufziehmännchen. Ist der Spanier einmal im Flow, wird es schwierig.
Aber auch diese Niederlage konnte Zverev nicht endgültig brechen. Vielleicht für ein, zwei Wochen. Aber wie steht es auf dem Center Court von Roland Garros geschrieben? Der Erfolg gehört den Beharrlichen. Und Zverev blieb beharrlich. Verdammt, wenn einer auf einem Court, auf dem dieser Spruch steht gewinnen darf, dann Sascha.
Wie aus einem Albtraum schlussendlich ein Traum wurde
Wir springen in das Jahr 2026. Sascha spielt konstant wie nie. Aber immer wieder stoppt ihn der Mann, der einfach noch konstanter spielt: Jannik Sinner. Ein Champion ist nicht ein Spieler, der immer gewinnt. Ein Champion ist ein Spieler, der immer wieder neue Chancen auf den Erfolg kreiert. Zverev blieb hartnäckig und ließ sich auch in der Abwesenheit von Carlos Alcaraz und durch das frühe Ausscheiden von Jannik Sinner nicht von seiner Mission abbringen. Er blieb bei sich. Teilweise überflüssige Fragen auf Pressekonferenzen lächelte er weg. Sascha blieb im Tunnel.
Stoisch abgeklärt spielte er sich souverän in das Finale. Was zu Beginn nach einem Spaziergang aussah, wurde im Verlauf des Matches zu einer Charakter- und Tennisprobe. Kurz vor dem Triumph, einen Moment, den Sascha schon so oft durchlebt hatte, schlug der stark aufspielende Flavio Cobolli nochmal zurück. Er holte sich den vierten Satz mit teilweise irren Vorhänden. Das Publikum tobte, der Name “Flavio” hallte in die Pariser Nachmittagsluft. Aber der, dessen Name nur einmal lauter gerufen wurde, schaute unbeeindruckt Richtung Boden und ging seinen Weg.
Bei 5:1 im fünften Satz sollte es dann geschehen. Den Return spielte Sascha bei 15:40 aus Sicht von Cobolli ausgerechnet aus der Ecke, in der er sich im Jahr 2022 folgenschwer verletzte. Nur wenige Meter neben der Stelle, an der Sascha im Jahr 2022 verletzungsbedingt zu Boden sank, sank er jetzt erfolgsbedingt zu Boden.
Der Spruch auf dem Court Phillipe-Chatrier könnte nicht wahrer sein: “Der Erfolg gehört den Beharrlichen”.
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