Eva Pfaff im Interview: "Würde mir herausnehmen, meinen eigenen Turnierplan zu machen"

Die ehemalige deutsche Topspielerin Eva Pfaff über Coco Gauffs Vorhand, Alexander Zverevs neuen Offensivgeist - und warum Best-of-Five für Frauen körperlich anstrengender ist als für Männer.

von Florian Goosmann
zuletzt bearbeitet: 11.05.2026, 09:58 Uhr

Coco Gauff
© Getty Images
Coco Gauff

Eva Pfaff ist eine der erfolgreichsten deutschen Tennisspielerinnen und schaffte es bis auf Platz 17 im Einzel und 16 im Doppel. Sie gewann ein WTA-Turnier im Einzel und elf im Doppel, in dem sie viele Jahre mit Bettina Bunge und Claudia Kohde-Kilsch zusammenspielte. Nach ihrer aktiven Laufbahn absolvierte Pfaff ein Diplom-Psychologiestudium und machte die asp-Fortbildung zur Sportpsychologin. Zudem ist sie im Besitz der DTB-A-Trainerlizenz. Beim Porsche Tennis Grand Prix ist sie jährlich als Beobachterin vor Ort.

Eva, wir haben beim Porsche Tennis Grand Prix bei Coco Gauff zugeschaut – und sie hat kaum eine Vorhand ins Feld bekommen. Dabei hat sie technisch schon einiges verändert. Müsste sie da noch mal ran?

Eigentlich sagte man früher in der Trainerausbildung und Trainingswissenschaft: Ab einem gewissen Alter sollte man keine größeren technischen Änderungen mehr vornehmen. Aber im modernen Tennis sehen wir bei vielen Spielerinnen und Spielern, dass sie immer wieder Dinge ändern. Wenn man sich weiterentwickeln und verbessern will, gehört das dazu. Vielleicht bedeutet das erst mal einen kleinen Rückschritt, aber dann macht man drei Schritte nach vorne. 

Wie passt das ins moderne und straffe Turnierprogramm?

Ich finde das heutige Tour-Programm zu umfänglich, in jedem Sinne. Zwar verpflichten die Spielerorganisationen die Topspieler dazu, gewisse Turniere zu spielen. Als Spieler würde ich mir herausnehmen, meinen eigenen Turnierplan zu machen. 

Also öfters mal pausieren und im Zweifel die Strafe zahlen oder auf den Bonus verzichten?

Das Risiko, Strafen in Form von Geld oder Ranglistenpunkten zu bekommen, würde ich eingehen. Ich glaube, eine Aryna Sabalenka tut das und nimmt sich mehr Pausen als ihre Kolleginnen für die Regeneration und ihre Entwicklung. Diese Zeit braucht man in meinen Augen, um geistig und körperlich konstant auf diesem Höchstleistungsniveau spielen zu können und sich um die Weiterentwicklungen zu kümmern. 

Was würdest du im Falle von Coco Gauff als Trainerin tun: Sie mal ein paar Monate ganz rausnehmen und die Vorhand neu ansetzen?

Coco Gauff versucht offenbar, technische Veränderungen bei Turnieren umzusetzen. Man muss sich das mal reinziehen: Sie spielt in der Weltspitze und kriegt zeitweise keine Vorhand ins Feld! Das finde ich bemerkenswert: dass jemand, der so viel schon erreicht hat, zweifache Grand-Slam-Siegerin ist, auf der Tennisbühne steht und die Vorhand sucht. Nicht nur in einem Match, sondern regelmäßig. Es spricht auch für ihre mentale Einstellung: diesen Frust immer wieder zu erleben und dennoch weiterzukämpfen.

Auch Iga Swiatek sucht ihr Spiel, sie war zuletzt in der Rafa Nadal Academy zu Besuch. Du hast sie in Stuttgart aus der ersten Reihe beobachtet und Änderungen ausgemacht. Was ist dir aufgefallen?

Ihre Beinarbeit ist anders. In den letzten Jahren hat man regelrecht gehört, wie schnell sie sich bewegt hat. Da hat es gekratzt und gequietscht auf dem Platz. Die Füße waren so agil, dass man als Tennistrainer sagen würde: sagenhaft, super, toll! Aber so eine super-agile Beinarbeit kostet unglaublich viel Kraft. Nach dem Nadal-Trainingslager bewegt sie sich ruhiger, denke ich. Auch intensiv, aber mit mehr Gewichtsverlagerung und einer gezielteren, konstanteren Bewegung zum Ball.

Was vermutlich auch Zeit kostet, bis das alles sitzt und selbstverständlich ist.

Sie ist ebenfalls jemand, der die Veränderung mitten in der Saison angeht. Die sich zwei Wochen Zeit nimmt und sagt: Ich gehe kurz in die Renovierungsanstalt und lasse mir was zeigen. Ich habe die Arbeit von Toni Nadal mit Rafael kennengelernt: Die arbeiten dort unglaublich intensiv.

Right Intensity“, die „richtige Intensität“, das war auch ein Lieblingsbegriff von Rafa.

Man sagt oft: lieber Klasse statt Masse. Im Falle der Nadals ist es beides. Toni Nadal hat als Trainer von Rafael jeden einzelnen Schlag beobachtet. Auf Dauer gibt es viel Selbstvertrauen, wenn man sich verbessert. Und Freude. Nicht im Sinne von „lustig“, aber als tiefe innere Bestätigung für die Arbeit, den Einsatz. Insofern ticken Nadal und Swiatek ähnlich. Die wollen sich verbessern und lassen nicht locker. 

Wir hatten dieser Tage auch ein anderes Thema diskutiert, das immer wieder aufkommt: die Idee, dass Frauen über drei Gewinnsätze spielen sollen. Du meintest, das sei körperlich nicht drin.

Es würde bei Frauen einfach länger dauern, diese fünf Sätze zu spielen. Das hat zwei Gründe. Statistisch gesehen gewinnen Frauen weniger freie Punkte über den Aufschlag. Wir erleben das hier in Stuttgart. Bei einem intensiven Drei-Satz-Match sind wir bei rund drei Stunden Spielzeit.

Was ist der zweite Grund?

Frauen schenken nichts her, nicht mal in Schaukämpfen. Das ist immer ernst, nie Quatsch. Wir spielen immer ums Ganze. (lacht) Auch auf emotionaler Ebene. Da wird kein Satz laufen gelassen, wie teils bei den Herren. Letztlich geht diese Diskussion auch in die entgegengesetzte Richtung der modernen Entwicklungen.

Dass man Tennis eigentlich verkürzen will.

Hin zu einem modernen Sport. Der sollte kurzweilig und knackig sein. Aber im Tennis verlängern wir alles, selbst die Turniere werden auf zehn Tage gestreckt. Das macht nichts attraktiver und sehenswerter. Für mich sollten Highlights Highlights bleiben. Wenn sich die Tenniswelt jedes Jahr vier Mal bei den Grand Slams trifft, reicht das aus. 

Woran liegt es eigentlich, dass Herren und Frauen so unterschiedlich spielen? Man hat grundsätzlich den Eindruck, Herren spielen variabler, mit dem Slice, mit Netzangriffen. Bei den Frauen ist das selten. Dabei könnte man sich mit einem solchen Spiel abheben. Ash Barty hat gezeigt, was man mit einem guten Slice anrichten kann. Karolina Muchova ebenso. Und Tatjana Maria ärgert viele. 

Früher, mit Holzschlägern, haben alle variabler gespielt. Aber in der Geschichte des Damentennis gab es gewisse Trendsetter. Monica Seles fing zum Beispiel an, von der Grundlinie von beiden Seiten und mit beiden Händen super-schnell zu spielen. Damit war sie als Jugendliche sehr früh konkurrenzfähig. Wenn man ein variables Spiel ausbauen will, dauert das länger.

Und diese Zeit nehmen sich viele nicht?

Wenn eine Spielerin mit 15 oder 16 Jahren schon konkurrenzfähig ist, stellt sich die Frage: Soll sie schon auf Tour – oder nimmt man sich noch ein, zwei Jahre mehr Zeit und baut ihr Spiel aus? Viele gehen direkt auf die Tour. Aber in letzter Zeit habe ich das Gefühl, dass die jüngeren Spielerinnen variabler spielen lernen. Mirra Andreeva zum Beispiel entwickelt ein All-Court-Game und spielt auch erfolgreich Doppel. Dass aber bei den Herren jemand in jungem Alter ganz vorne mitspielt, kommt seltener vor. Das ist physisch oft nicht möglich. Boris Becker war eine Ausnahme, Carlos Alcaraz ist es ebenfalls. Aber er war auch 18 oder 19 Jahre, nicht 14 oder 15. Und hatte somit die Zeit, sein Spiel auszubauen. Wahrscheinlich wollte er das vom Typ her und seiner Spielanlage auch so.

Alcaraz hat gerade Sorgen mit dem Handgelenk.

Leider ist Alcaraz wieder mal ein Beispiel für meine These, dass die Balance zwischen Höchstleistung und Pausen individuell angepasst werden sollte. Erst mal hoffe ich, dass er bald wieder mitspielen kann. Tennis braucht diesen Typ Spieler, bei dem die Spielfreude auf alle Beobachter überschwappt, einen mitreißt. Aber ich bin gespannt, ob er dieses bisherige Pensum durchhält. Insgesamt finde ich es bedauerlich, dass viele Spieler erst eine Pause machen, wenn sie verletzt sind. Aber die Saison ist zu lang, der Turnierkalender proppenvoll und dann kommen noch die Schaukämpfe am Ende des Jahres hinzu. Casper Ruud hat dadurch mal ein halbes Jahr schlechter gespielt, weil er seine Pause zum Saisonende durch Schaukämpfe verkürzt hat. Ich kenne das Thema aus eigener Erfahrung mit Leuten, die ich betreue.

Inwiefern?

Junge Athleten und ihre Eltern frage ich öfter: Wie sieht’s mit einer Pause aus? Da gucken mich die Eltern erstaunt an und denken wohl: Jetzt engagieren wir eine Sportpsychologin und die erzählt uns was von wegen Pause! Oder wenn ich vorschlage, dass die Kids mit ihren Kumpels ein Eis essen gehen. Da zucken manche richtig zusammen. Dabei sind Pausen und soziale Kontakte – auch außerhalb der Tenniswelt – wichtig.

Auch bei den Profis, oder?

Klar. Ich kenne Dominic Thiem nicht, aber er hat vor Kurzem auf die Frage geantwortet, was er hätte anders machen sollen: „Mal was angucken und die Zeit auf den Reisen mehr genießen.“ Viele Profis treiben den Sport bis zum Exzess. Dabei sollte man sich auch als Mensch und Persönlichkeit weiterentwickeln. Sonst pendelt man geistig und körperlich lediglich zwischen Tennisanlage und Hotel.

Hast du das gemacht zu deiner aktiven Zeit?

Als ich mehrfach in Berlin ein Jugendturnier gespielt habe, dachte ich: Ich habe noch nichts von der Stadt gesehen! Damals habe ich beschlossen, mir in jeder Woche zumindest ein paar Stunden oder einen halben Tag etwas anzuschauen. Das habe ich durchgezogen. Und so habe im Laufe meiner Karriere vielleicht eine Woche pro Stadt zusammenbekommen. Wenn ich dir heute von Orten erzähle, kenne ich nicht nur die Tennisanlagen, sondern auch andere Dinge. Das habe ich für mich als Person mitgenommen. Toni Nadal hat das angeblich auch mit Rafael gemacht. Die haben sich immer etwas angeguckt. 

Wenn man in deinen Erfolgslisten wühlt, fällt auf, wie viel Teppich als Belag früher ein Thema war. Mittlerweile ist er verschwunden. Würde ein schnellerer Belag dem Tennis guttun, damit die Spieler wieder mehr ans Netz gehen?

Wenn Hartplätze so aufgerauht sind wie Schmirgelpapier, sodass der Ball aufspringt und fast stehenbleibt, ist das schwierig. Wenn man auf so einem Platz ans Netz geht, sieht man sehr alt aus. Man braucht allerdings auch den Drang nach vorne und muss entsprechend trainieren. Es hängt auch von der Spielauffassung ab. Alexander Zverev ist neuerdings ein Beispiel. Er steht näher an der Grundlinie, nimmt die Bälle früher und beendet mehr Punkte am Netz.

was ihm seit zehn Jahren alle Experten gepredigt haben.

Wenn solche Veränderungen aus eigener Motivation kommen, ist es etwas völlig anderes. Früher dachte er womöglich: Das ist eure Idee, nicht meine. Der Wille zur Entwicklung muss von einem selbst ausgehen. Wie in der Schule: Wenn nur die Lehrer oder Eltern sagen „Du musst lernen!“, dann reicht das eher nicht. Sowie man selbst etwas will, versetzt es Berge. Insofern bin ich gespannt, was Zverev die Veränderungen bringen werden. Auf jeden Fall gucke ich ihm jetzt lieber zu, denn auch sein Spiel ist variabler geworden.

Eva, herzlichen Dank für deine Zeit!

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