Thiems Trennung, Medvedevs Dämonen, Witthöfts Auszeit: Gedanken zum Jahresende 2019

Was bleibt aus 2019 hängen? Viele große Geschichten - aber auch Dinge abseits des Tennisplatzes. Ein paar persönliche Gedanken.

von Florian Goosmann
zuletzt bearbeitet: 29.12.2019, 19:13 Uhr

Daniil Medvedev fährt ab sofort bayerisch
© Getty Images
Daniil Medvedev

Dominic Thiems Trennung von Günter Bresnik – eine Sache, die im Frühjahr die Tenniswelt überraschte. Zunächst war von einer Sandplatzsaison ohne Bresnik die Rede, am Ende wurde klar: Da ist mehr passiert. Was genau? Ist nicht an die Öffentlichkeit gedrungen (was übrigens mal wieder für Thiem und Bresnik spricht). Tennismäßig spielte Thiem im Anschluss groß auf und zeigte vor allem auf Hartplatz unerwartet tolle Ergebnisse. Dennoch ist‘s traurig, dass Bresnik das beste Jahr seines langjährigen Schützlings nun "von außen" beobachten musste. Und das wohl auch bei einem möglichen ersten Grand-Slam-Sieg tun muss. Kommt Zeit, kommt Rat – und vielleicht auch irgendwann wieder eine Versöhnung der beiden. Es wäre schön./

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Erwartet uns 2020 endlich die Wachablösung bei den Herren? Es ist jedes Jahr irgendwie dieselbe Frage, und doch dominieren Federer, Nadal und Djokovic auch in ihren 30ern munter weiter. 2019 aber hat nun berechtigte Hoffnung geschürt: Thiem spielte auch außerhalb des Sandplatzes groß auf, Tsitsipas fing sich nach seinem Durchgänger im Sommer und krönte seine Saison mit dem Titel bei den ATP Finals. Und mit Medvedev hat einer oben angeklopft, den man gar nicht so sehr auf der Rechnung hatte. Ob‘s 2020 schon für einen Major-Titel langt? Es ist gut möglich.

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Apropos Wachablösung. Es wurde ja immer darüber gemeckert, es fehle an Typen, die nachkommen. Wenn Tsitsipas oder Medvedev keine sind, dann weiß ich auch nicht. Auch Nick Kyrgios wollen wir in dem Fall nicht vergessen. Ob seine Art gut fürs Tennis ist oder nicht, steht auf einem anderen Blatt Papier.

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Medvedev ist ohnehin ein auf so vielen Ebenen interessanter Typ. Abseits des Platzes soll er ein netter Typ sein (sagt er von sich selbst), auf dem Court haben ihn seine Dämonen noch zu oft im Griff. Kennt man ja vielleicht auch von sich selbst. Spannend, wie Medvedev in den kommenden Jahren damit umgehen wird.

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Bei den Damen hat Bianca Andreescu wohl das verrückteste Jahr hingelegt, sie hat alles, um die kommenden Spielzeiten zu dominieren. Wenn der Kopf mitspielt (einen möglichen Durchhänger nach dem Erfolgsjahr mal außer acht gelassen) und vor allem der Körper. Es ist ungut, dass sie mit grade mal 19 Lenzen schon so anfällig ist. Sie muss 2020 ihre Physis verbessern und, Stichwort Kopf, bei Problemen die Vernunft walten lassen. Und nicht, wie bei den WTA Finals, auf Biegen und Brechen versuchen, ein Match zu Ende zu bringen. Sie hat noch so viel Zeit…

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Der Aufstieg von Ashleigh Barty ist in vielerlei Hinsicht toll. Barty spielt ein feines und variables Tennis (wie auch Andreescu – wer hat eigentlich behauptet, Damentennis sei zu eindimensional?). Und ist dazu ein guter „mate“, sie transportiert die typisch australische „Sportsmanship“-Schule um Rod Laver und Co. auf den Court (und nicht die von Kyrgios oder Tomic). Bleibt zu hoffen, dass viele ihr nacheifern!

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Auch die Entwicklung von Alexander Zverev bleibt spannend. Auch, weil spielerisch mit Tsitsipas, Medvedev und Thiem einige an ihm vorbeigezogen sind (und auch rankingmäßig - Zverev hat als Siebter knapp 2.000 Punkte Rückstand auf den Sechsten). Zverev muss seinem Spiel neue Varianten hinzufügen, wenn er ganz oben mitspielen will, sprich: um die Grand Slams. Den vielen Stimmen, er müsse offensiver spielen, von Defensive auf Offensive umschalten, also in den Platz reingehen, hat er oft widersprochen; zuletzt jedoch scheint er seine Meinung geändert zu haben. Ob er es schafft – auch eine Frage des Selbstvertrauens. Man kennt das ja: Grübelt man zu viel nach, zieht man sich in seine Sicherheitszone zurück, und die liegt bei Zverev nun mal zwei, drei, vier Meter hinter der Grundlinie.

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Aus psychologischer Sicht wird auch Zverevs Aufschlagproblem in 2020 interessant sein. Die Doppelfehler-Orgien scheinen beendet, die „Yips“ aber noch im Hinterkopf. Zwei Doppelfehler beim 4:5 und 30:30 in Shanghai gegen Medvedev sprechen Bände. Speziell in den kritischen Momenten, wenn der Kopf mitspielen sollte, sollte der Gedanke „Bitte jetzt keinen Doppelfehler“ gar nicht erst aufflackern. Aber wie das so ist: Woran denkt man, wenn man jetzt bitte nicht an einen blauen Elefanten denken soll? Eben. Bleibt Zverev zu wünschen, dass dies kein Dauerthema für den Rest der Karriere wird.

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Ein letztes Wort noch zu Carina Witthöft. Sie stand 2019 in den Schlagzeilen, obwohl sie seit den Australian Open nicht mehr gespielt hat. Auch Barbara Rittner äußerte sich in einem tennisnet-Interview enttäuscht über Witthöft, diese feuerte zurück und erklärte im Anschluss, warum der vermeintliche Traumjob Tennisprofi für sie womöglich keiner ist. Mich hat das Thema lange beschäftigt. Ja, auch ich war enttäuscht von Witthöft. Denn Journalist hin oder her, man ist nun mal auch Tennisfan. Und als solcher ebenso irritiert, wenn jemand eine mögliche große Karriere einfach so wegschmeißt. Aber mal anders gefragt: Dürfen wir – die Fans, die Medien, der DTB - jemanden für seine Überlegung kritisieren, vielleicht ein anderes Leben als das des Tennisprofis zu bevorzugen? Denn neben den unbestreitbaren Vorteilen bringt das Tennisspielerleben auch viele Kompromisse mit sich. 30 bis 40 Wochen im Jahr in Hotels zu verbringen, ist nicht jedermanns Ding. Auch die ständige Reiserei nicht. Nick Kyrgios erklärt immer wieder, oft Heimweh zu haben; Pete Sampras oder Anke Huber haben ihr Karrieren unter anderem einst beendet, weil sie von der Reiserei ausgezehrt waren. Aber klar: Auch der DTB steht unter Druck, die Generation nach Kerber, Petkovic oder Görges hat ihre Erwartungen (bislang) nicht erfüllt, Carina Witthöft hätte mit einem Platz unter den Top 30 etwas Luft verschafft. Und natürlich geht es auch Barbara Rittner so wie jedem Vereinstrainer, wenn der hoffnungsvollste Schützling, in den man viel Zeit, Herzblut und Hoffnung gesteckt hat, mit 15 oder 16 Jahren keinen Bock mehr hat: Man ist enttäuscht. Dass Carina Witthöft sich‘s noch mal anders überlegt, hoffen wir also alle. Wir sollten aber auch Verständnis dafür haben, wenn sie (wie viele Menschen mit Anfang 20) noch nicht weiß, was sie im Leben will.

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